Hier stehe ich

„Es ist immer noch die revolutionärste Tat, das zu sagen, was ist.“ – Diesen Spruch von Rosa Luxemburg hatte ich in meiner Studentinnenwohnung auf einem Plakat an der Wand hängen. Meinen Vater verleitete das zu der Bemerkung, dann könne er mir ja auch ins Gesicht sagen, dass bei mir der Tee schmecke wie Wasser. Vielleicht hätte ich ihm erklären sollen, dass Rosa Luxemburg das doch etwas anders gemeint hatte.

Sich hinzustellen und zu sagen, was ist, ist nicht nur eine revolutionäre Tat. Es ist vor allem sehr mutig. Nicht nur Rosa Luxemburg ist für ihre Ansichten gewaltsam ums Leben gekommen.

Zu sagen, was ist, oder besser gesagt, was man denkt und meint, kann lebensgefährlich sein. Und dies nicht nur in der Vergangenheit und nicht nur in (offiziellen) Diktaturen, wie die Beispiele von Boris Nemzov in Russland und der Charlie-Hebdo-Karikaturisten in Paris zeigen.

In beiden Fällen haben die später Ermordeten ihre Meinung geäussert, der eine als kritischer Oppositionspolitiker, die anderen auf kunstvoll-kreative und auch humorvolle Art. Alle hatten sie genau gewusst, was sie taten; sie waren sich ihrer Verantwortung und der damit verbundenen Gefahr sehr wohl bewusst gewesen. Und trotzdem hat es sie nicht davon abgehalten, sich zu äussern, das, was sie dachten und meinten auf je ihre eigene Art zum Ausdruck zu bringen.

Sich hinzustellen und das sagen, was man denkt, war schon immer eine mutige Tat. Und doch war und ist es für viele Menschen ein tiefes Bedürfnis, dies zu tun, manchmal auch ungeachtet aller Gefahren.

Zu dieser mutigen Haltung  gibt es einen Satz, den ich für einen der genialsten Sätze der Menschheitsgeschichte halte:  „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ – Mit diesem Satz soll Martin Luther seine Rede vor dem Wormser Reichstag beendet haben, in der er darlegte, warum er seine reformatorischen Ideen nicht wiederrufen werde. Er hatte Glück. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger-Reformatoren wurde er für seine Ansichten nicht auf den Scheiterhaufen gestellt.

Dieser schlichte Satz beschreibt kurz und prägnant, warum es Menschen gibt, die trotz offensichtlicher Bedrohung ihre Meinung offen kundtun: Sie können einfach nicht anders, als das, was ihre Auffassungen und Anliegen sind, das, was ihnen am Herzen liegt, offen auszusprechen, ungeachtet der Konsequenzen. Es ist wie ein innerer Drang, dies zu tun. Es ist ein Aussprechen dessen, was ein Mensch für sich als Wahrheit erkannt hat, trotz des Wissens darum, dass Wahrheit niemals absolut und objektiv sein kann. Es ist ein sich Mitteilen, sich Äussern über die eigenen Überzeugungen, über etwas, das einem zutiefst bewegt.

Auch im Hier und Heute kann es eine mutige Tat sein, seine Meinung zu äussern, wenn es auch nicht gerade bedeuten muss, sein Leben dabei zu riskieren.

In der unkontrollierbaren Welt des Internets gibt es viele Möglichkeiten dazu. Jeder kann seinen Senf zu allem dazugeben, kann seine eigenen Wahrheiten zum Besten geben. Doch genau so frei, wie man sich äussern kann, ist man auch der Kritik ausgesetzt, kann sich der „Shitstorm“  über einen ergiessen. In der Halbanonymität des Internets kann auch jeder seine unflätigsten Formulierungen, Beleidigungen und Diffamierungen von sich geben. Im Schutz der virtuellen Welt macht sich zuweilen eine Respektlosigkeit breit, die erschreckend ist. Zudem kann man nie wissen, was mit den Texten, Filmen und Bildern passiert, die man ins Internet stellt. Sie können geteilt, manipuliert und auch Jahre später noch gegen einen verwendet werden.

In Berlin haben ein paar Journalisten aus der Not eine Tugend gemacht. Sie machen Theateraufführungen, in denen sie ganz einfach einen Abend lang die an sie gerichteten Shitstorm-Mails, Briefe und Drohungen vorlesen. Zusammen mit dem Publikum haben sie dabei eine riesen Gaudi.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Auch ich gehöre zu den Menschen, die sich öffentlich äussern. Jede Predigt, die ich halte, ist eine öffentliche Rede, in der ich etwas von dem preisgebe, was ich denke, meine und glaube. Ich offenbare dabei also auch immer mich selber. Natürlich nehme ich Rücksicht auf meine Hörerinnen und Hörer, versuche sie, dort abzuholen, wo sie stehen, möchte sie nicht überfahren mit unverständlichen und ungewohnten Gedanken. Und doch merke ich, dass ich immer mutiger werde. Ich möchte den Menschen auch etwas Neues mitteilen, etwas, das sie nicht bereits von selber wussten oder dachten, etwas, das sie sich nicht selber sagen können. Dazu gehört eben auch, sie manchmal mit etwas Neuem zu konfrontieren. Wenn ich sage, ich bin mutiger geworden, so heisst es, dass ich nicht mehr überlege, was die Leute hören wollen, sondern mich nach dem richte, was mich beschäftigt. Für mich bedeutet das immer auch eine tiefe Auseinandersetzung mit meinen eigenen Gedanken und Wahrheiten. Mir ist bewusst, dass ich in einem christlichen Land und in der reformierten Kirche (in der die Freiheit der Verkündigung ein hohes Gut ist) keinen grossen Gefahren ausgesetzt bin. Und doch empfinde ich eine hohe Verantwortung gegenüber den Menschen, die mir anvertraut sind.

Ich bin ein Mensch, der sich am liebsten schriftlich äussert. Es ist mir ein Bedürfnis, mich auf diese Weise auszurücken. Einen Text zu schreiben ist für mich wie ein Bild zu malen oder ein Musikstück zu komponieren (für beides fehlt mir die Begabung). Es ist ein kreativer Akt des Selbstausdrucks.

Für mich war es ein sehr mutiger Schritt, einen Blog einzurichten. Aber es ist eine Art, mich auszudrücken, mich zu outen, mich zu zeigen so, wie ich bin, mit dem, was ich denke und meine, manchmal auch mit dem, was ich fühle. Es ist dieses Gefühl des „Hier stehe ich“ – und auch der Rest des Luther-Zitates stimmt für mich.

Selbstverständlich setze ich mich nicht gleich mit den Menschen, die für ihre Äusserungen ihr Leben riskieren oder auch lassen müssen. Vor ihnen verneige ich mich in tiefem Respekt.

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