Leere. Weite. Stille.

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Wie jeden Sommer haben wir auch dieses Jahr wieder unsere Ferien auf der Ostseeinsel Fehmarn verbracht. Es ist für unsere Familie mittlerweile schon eine Tradition, im Sommer zwei Wochen dort zu verbringen. Doch dieses Jahr habe ich mich vorher gefragt, ob es dieses Mal nicht langsam langweilig werden könnte.

Die Insel Fehmarn besteht aus ein paar winzig kleinen, jeweils aus ein paar Bauernhöfen bestehenden Dörfern, einer Kleinstadt, ein paar Campingplätzen, einem Fährbahnhof, einem Touristenstrand (den wir immer gemieden haben) und vielen schönen, relativ ruhigen Stränden in wahlweise allen Himmelsrichtungen.

Vor allem aber gibt es riesige Getreidefelder soweit das Auge reicht, viele Windanlagen und den Blick auf das Meer. Und alles ist flach, flach, flach. Wie langweilig!

Aber spätestens nach drei Tagen packt mich jedesmal der „Fehmarn-Zauber“, wie ich es inzwischen nenne – so auch dieses Jahr wieder.

Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Aber gerade diese Leere und Weite ist es, die diesen Zauber ausmacht.

In dieser reizarmen Landschaft kann ich wirklich das, was man gemeinhin „abschalten“ nennt. Die Weite des Horizontes, die fast unendlichen Getreidefelder, das lautlose und gleichförmige Drehen der Windräder und die Bewegungen des Meeres haben auf mich eine enorm beruhigende Wirkung. Geist und Seele kommen in nie gekannter Weise zur Ruhe. Die vielen Gedanken, die sonst so in meinem Kopf herumdrehen, können sich legen. Mein Kopf wird leer und füllt sich nur noch mit den Eindrücken des Hier und Jetzt.

Mit dem Fahrrad durch die Getreidefelder fahren, den Windrädern beim Drehen zuschauen, die Möwen beim Fliegen beobachten und vor allem an einem einsamen Strand sitzen und stundenlang ins Meer blicken – das macht ruhig. Nichts anderes mehr hören als das Rauschen des Windes und das Plätschern der Wellen. Das ist entspannender als jede Atemübung oder Meditation.

Besonders fasziniert mich dieses ganz spezielle, überaus helle, gleissende Licht. Und weil die Sonne sich dort oben vermeintlich langsamer bewegt und später untergeht, gewinne ich den Eindruck, als gehe die Zeit langsamer. Ich werde buchstäblich „entschleunigt“. Mein Denken wird langsamer, mein Atem tiefer.

In der scheinbaren Leere dieser Insel kann ich eine nie geahnte Fülle entdecken, und auch wenn ich gar nicht sagen kann, worin genau diese Fülle besteht, ist es für mich die vollkommene Er-füllung. Nach einigen Tagen solcher Ferien ist es jedesmal so, als gäbe es niemals lange, kalte und dunkle Winter, keine vollen Terminkalender, keine Mühseligkeiten des Alltages, keinen Stress.

Viel mehr brauchte es nicht in diesen zwei Wochen. Und, nein, es war überhaupt nicht langweilig. Wir haben vieles unternommen und viel Neues gesehen: Wir waren in Kiel, in Kopenhagen und im Kino, machten Fahrradtouren, z.B. über die längste Brücke Deutschlands, haben Ausstellungen, Museen und ein Filmstudio besucht. Doch immer wieder zog es uns in die Leere und Weite dieser Insel, in die Getreidefelder, an den Strand und ans Meer, das sich uns jeden Tag wieder in neuer Gestalt und neuen Farben zeigte. Und die interessantesten Entdeckungen dieser Ferien waren die verschiedenartigsten Steine am Strand, von denen uns jeder einzelne uralte Geschichten aus früheren Zeiten unserer Erde erzählen konnte.

Und nun bin ich wieder zuhause, in einer Landschaft mit handtuchgrossen Getreidefeldern, ohne Windräder und Meer, dafür mit Hügeln und Bergen in Sichtweite. Es ist auch schön hier. Eigentlich sehr schön, aber eben anders. Und der Alltag ist wieder da, der „Zauber von Fehmarn“ verschwindet nach und nach.

Und jedes Jahr geht es mir gleich: An kalten und dunklen Wintertagen, bei vollem Terminkalender, in den Mühseligkeiten des Alltages und im grössten Stress ist es so, als gäbe es keine Getreidefelder bis zum Horizont, kein Rauschen des Meeres, kein gleissendes Licht, als gäbe es kein Fehmarn und habe es nie eines gegeben.

Der Zauber von Fehmarn lässt sich nicht wirklich konservieren oder in Bildern festhalten.

Aber ich will es probieren, will versuchen, dieses spezielle „Fehmarn-Gefühl“ wenigstens hin und wieder aufleben zu lassen, mich daran zu erinnern und diese innere Ruhe bei mir einkehren und präsent werden zu lassen. Und zwar nicht mit einem wehmütigen Gefühl, sondern mit der inneren Freude, so als wäre ich jetzt gerade dort.

Ansonsten will ich versuchen, ganz da zu sein, wo ich gerade bin und das zu tun, was der Augenblick gebietet. Aber den Zauber von Fehmarn will ich dabei nie ganz vergessen.

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