Unbekannte Geschwister

Palmyra

Palmyra, im April 1998.

Eigentlich wollten wir uns in dem kleinen Laden nur kurz umsehen. Aber der junge Verkäufer lud uns sofort zum Tee ein, so wie wir es im Nahen Osten schon häufig erlebt hatten. In gebrochenem Englisch fragte er uns, woher wir kämen, was wir so machten und noch einiges mehr. Irgendwann schauten mein Mann und ich verstohlen auf die Uhr. Wir wollten noch genug Zeit haben, um die antiken Stätten zu besuchen, bevor es mit unserem Gruppenprogramm weitergeht. Wir entschuldigten uns höflich und bedankten uns für den Tee.

Es war im Jahr 1998, als mein Mann und ich an einer Gruppenreise mit der Landeskirche Graubünden teilnahmen. Die Reise trug den Titel „Unbekannte Geschwister“. Wir besuchten in Jordanien, Syrien und dem Libanon christliche Gemeinden reformierter Konfession. Und immer wieder antike Stätten, Kunstdenkmäler, alte Kreuzfahrerburgen, Museen, die Felsenstadt Petra, die Tempelanlagen von Baalbek, die Stadt Damaskus sowie die uralten Städte Mari und Ebla. Doch der allerschönste Ort, den wir sahen, war Palmyra, diese wunderschöne Palmenoase mitten in der Wüste mit ihren goldglänzenden antiken Tempelanlagen, der Prachtstrasse und dem gut erhaltenen Amphitheater.

In Palmyra durften wir auch ein Open-Air-Konzert miterleben. Viele junge Frauen und Männer drängten sich zwischen die Ruinen, wo eine grosse Tribüne aufgestellt worden war. Die jungen Männer mit Jeans, Hemd oder T-Shirt, die Frauen alle mit Kopftüchern und schwarzen Mantelkleidern bekleidet, wie es in Syrien üblich war. Da trat plötzlich eine wunderschöne blonde Frau auf die Bühne, in einem weissen, hautengen schulterfreiem Kleid. Beim Singen wiegte sie anmutig ihre Hüften. Die Spannung in der Menge stieg. Die Männer drängten nach vorne. Ein junger Mann neben mir rempelte mich an, das heisst, er streifte kaum merklich meinen Ellbogen. Sofort entschuldigte er sich überschwänglich – aber nicht bei mir, sondern bei meinem Mann, der neben mir stand. So ist das eben üblich in Syrien. Wir lachten später noch lange darüber.

Heute, 17 Jahre später, sind mir noch viele weitere Erinnerungsbrocken von Bildern und Erlebnissen dieser Reise geblieben. Zum Beispiel an die vielen übergrossen Assad-Plakate, die überall in Syrien hingen, an die jahrtausendealte mesopotamische Figur, angesichts derer unser Kollege in Verzückung geriet, an den Suk in Aleppo, aus dem wir nach Ladenschluss fast nicht mehr herausfanden, an die Omaijadenmoschee in Damaskus, die wir Frauen nur verhüllt besuchen durften, an das antike Taufbecken, in dem man, so der Reiseleiter, „schön langsam“ getauft wurde, an die Stadt Beirut, die immer noch von den Spuren des Krieges gezeichnet war und vieles mehr.

Doch am meisten in Erinnerung geblieben sind mir die Menschen, denen wir begegnet sind: Die syrischen Christinnen und Christen, die unter Assad Seniors starker Hand relativ frei und unbehelligt leben konnten. Der Reiseleiter Jamal, dem man keine politischen Fragen stellen durfte, um ihn nicht in Gefahr zu bringen („Der syrische Geheimdienst ist überall“, hatte man uns vorher gesagt). Die Theologin in Beirut, die als Frau um ihre Ordination kämpfen musste. Die Männer, die uns in Aleppo aus dem dunklen Suk führten. Die Einsiedlerin in der christlichen Stadt Maalula, die uns mit geweihtem Wasser segnete. Die Beduinen, die sich riesig über die Schweizer Taschenmesser freuten, die wir ihnen geschenkt hatten. Und überall die vielen offenen und gastfreundlichen Menschen, die uns zum Tee einluden, mit uns sprachen und uns mit Freundlichkeit und Respekt begegneten.

Das Syrien, wie wir es damals erlebt haben, existiert heute nicht mehr in dieser Art. Palmyra ist vom IS besetzt, es werden dort unvorstellbare Gräueltaten verübt. Im Amphitheater finden öffentliche Hinrichtungen statt. Der Baaltempel wurde gesprengt. Der Chef-Archäologe wurde geköpft, weil er sich geweigert hatte, das Versteck zu verraten, in das man viele Kulturgüter im letzten Moment gerettet hatte. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was sonst noch alles täglich dort passiert. Es ist unbegreiflich und entsetzlich. Was müssen das nur für Menschen sein, die weder Respekt vor Menschenleben noch vor dem kulturellen Erbe der Menschheit haben?

In letzter Zeit denke ich wieder oft an die Menschen, denen wir in Syrien begegnet sind, und ich frage mich, was aus ihnen geworden ist. Ob sie wohl noch am Leben sind? Sind sie dem syrischen Bürgerkrieg zum Opfer gefallen? Wurden sie vom IS umgebracht? Sind sie auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken? Oder in einem Lastwagen erstickt? Oder haben sie die Flucht überlebt und sind irgendwo an einer Grenze gestrandet, in Kos, in Mazedonien, auf dem Budapester Bahnhof, in Calais? Schlafen sie auf dem Boden einer hoffnungslos überfüllten Flüchtlingsunterkunft? Leben sie in einem Zeltlager? Oder in einem Luftschutzbunker? Oder in einem Flüchtlingsheim, das von Molotowcocktails beworfen wird? Sind sie dem Gepöbel von „Wutbürgern“ ausgeliefert? Müssen sie fürchten, dass ihre Unterkunft „abgefackelt“ wird? Warten sie irgendwo verzweifelt ohne zu wissen, wie es weitergeht?

Damals, an jenem Abend in Palmyra, haben wir Seite an Seite miteinander gefeiert. Heute fühle und leide ich mit diesen Menschen, mit meinen „unbekannten Geschwistern“. Denn ganz gleich ob christlich, muslimisch, drusisch, jesidisch oder sonstwie – es sind alles unsere Geschwister in der einen grossen Menschheitsfamilie.

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