Die Tücherbox

Datei 04.02.16, 17 52 30

Auf meinem Schreibtisch steht eine Tücherbox. Die Schachtel mit den Papiertüchern gehört neben dem Laptop, den Büroklammern, dem Stiftehalter, einem Glas Wasser oder einer Tasse Tee, einer Kerze und einem Papierblock zu meinen Arbeitsutensilien. Das ist praktisch: Ich kann mir mit den Tüchern die Nase putzen. Ich kann mir damit den Monitor abstauben, die Brille putzen oder ein paar verschüttete Tropfen Tee aufwischen. Aber ich brauche die Tücher manchmal auch noch zu etwas anderem: Ich kann mir damit auch die Tränen abputzen. Ja, auch das Weinen gehört manchmal zu meiner Arbeit.

Wenn ich an einer Beerdigung arbeite, mich berühren lasse von den Höhen und Tiefen dieses Lebens und versuche, tröstende Worte dazu zu finden, dann kann es durchaus sein, dass ich so ergriffen bin, dass ich Tränen vergiesse. Und erst recht passiert mir das bei tragischen Todesfällen, die ich selber erst einmal so weit „verdauen“ muss, dass ich schliesslich professionell daran arbeiten kann.

In solchen Fällen kann es wirklich sein, dass ich vor dem Laptop sitze und Rotz und Wasser heule. Ich bin eben nun mal nah am Wasser gebaut, und darum ist es wichtig, dass ich meinen Tränen freien Lauf lassen kann. Auf diese Art kann ich meine eigene Betroffenheit so weit verarbeiten, damit ich mich wenige Tage später hinstellen und mit Ruhe und Gefasstheit zur Trauergemeinde sprechen kann. Auch wenn ich in gewissen Fällen meine eigene Betroffenheit nicht ganz verbergen kann und auch nicht muss, gehört es doch zum professionellen Auftreten, dass ich nicht selber in Tränen aufgelöst bin, sonst könnte ich auch niemandem in dieser Situation den nötigen Halt bieten.

Kürzlich kam mit der Gedanke: Das ist ja eigentlich ganz schön viel, was ich da von mir für diesen Beruf gebe: Ich stelle nicht nur meine Arbeitskraft zur Verfügung, meine Kompetenz, meine Zeit und meine Dienstleistung. Ich gebe auch etwas ganz Persönliches von mir selber: Meine Tränen, meine Gefühle, meine Empathie. In welchem Beruf ist das wohl sonst noch so?

Sicher, es gibt auch andere Berufe, in denen man mit schwierigen Schicksalen konfrontiert wird. Dafür braucht es eine professionelle Distanz. Auch ein Arzt, eine Psychologin, ein Bestatter, eine Sterbebegleiterin können nicht in grenzenloser Empathie mitfühlen mit dem Leiden ihrer Klientel. Sonst würden sie bald diese Arbeit nicht mehr machen und auch niemandem wirklich helfen können. Diese Distanz ist in solchen Berufen nötig; man muss nach der Arbeit wieder abschalten und sich unbeschwert seinem Privatleben zuwenden können.

Auch ich lege Wert auf diese Art von Distanz. Man muss sich gerade im Pfarrerberuf abgrenzen können, man darf die Arbeit und die persönlichen Begegnungen in der Kirchgemeinde nicht völlig mit dem Privatleben verschmelzen. Gerade weil ich mit so vielen schweren Situationen und Lebensgeschichten konfrontiert werde, ist es wichtig, dass ich mich auch immer wieder davon erhole und mich den schönen und freudigen Seiten des Lebens zuwende. Ich denke, das gelingt mir nach so vielen Jahren als Pfarrerin meistens gut. Aber trotzdem will ich mich auch immer wieder berühren lassen von den Schicksalen, die mir begegnen, will meine Tränen vergiessen können, damit ich die mir anvertrauten Menschen auf eine gute Art begleiten kann. Anders würde ich diesen Beruf nicht ausüben wollen und können. Und ich gewinne auch etwas dabei. Ich habe auf diese Art Anteil an der Tiefe des Lebens, ich erfahre immer wieder, wie kostbar und auch verletzlich das Leben ist. Das führt mich schliesslich zu einer tiefen Dankbarkeit dafür, dass es mir und meiner Familie (noch) gut geht. Das sind mir die Tränen wert.

 

 

 

 

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