Alleine unterwegs sein

2017-06-16 07.55.08 HDR

Als ich vor einigen Jahren am Rande einer Erschöpfungsdepression eine Therapeutin aufsuchte, fragte sie mich als Erstes, was ich am liebsten mache. Ganz spontan sagte ich: „Alleine unterwegs sein.“. Ich staune heute noch über diese Antwort, die völlig unüberlegt aus dem Bauch heraus kam. Im nächsten Moment kamen mir die Tränen, weil ich plötzlich eine tiefe Sehnsucht empfand, alleine unterwegs zu sein, was mir damals als berufstätige Mutter zweier kleiner Kinder fast nie möglich war.

Alleine unterwegs zu sein, bedeutet in meinem Fall, mit dem öffentlichen Verkehr, am liebsten mit dem Zug, durch die Gegend zu fahren. Unterwegs habe ich Zeit und Ruhe, kann die Landschaft an mir vorbeiziehen lassen, durch die Ohrstöpsel meine Lieblingsmusik hören, ein gutes Fachbuch lesen oder einfach meinen Gedanken nachhängen – Dinge, für die ich im normalen Alltag meistens keine Zeit habe.

Besonders wichtig ist es, dass ich beim Unterwegssein alleine bin. Natürlich habe auch ich gerne Geselligkeit, gute Gespräche und freundschaftliche Begegnungen. Aber wenn ich alleine unterwegs bin, bin ich in einer ganz besonders intensiven Weise ganz nah bei mir selber wie in sonst keiner anderen Situation.

Während ich heute hauptsächlich in der beschaulichen Schweiz mit den meist zuverlässigen Verkehrsmitteln unterwegs bin, hatte es für mich als Jugendliche einen besonderen Reiz, mit der S- Bahn durch Frankfurt zu fahren. Das gab mir damals so ein Gefühl von Freiheit und Erwachsensein. Später, als Studentin, war ich auf diese Art in Rom und Paris unterwegs. Das Benutzen der Metro oder anderer öffentlicher Verkehrsmittel gibt mir jeweils das Gefühl, in eine Stadt ganz einzutauchen. Auf diese Art nehme ich am Stadtleben teil, während ich mich in einem Auto in einer Blechkiste isoliert fühle.

Dazu gehört auch die Herausforderung, mich alleine zurecht zu finden, mit Metro- und Stadtplan jeweils herauszufinden, welche Linie ich nun nehmen muss und mir auf diese Art eine fremde Stadt ein Stück weit anzueignen. Es gibt mir jeweils Selbstvertrauen, mich auf diese Art alleine zurechtzufinden.

Mit Trekkingsandalen zu Fuss alleine durch Rom, Paris, Jerusalem, Bombay oder wie kürzlich durch Palermo zu schlendern, ist dann jeweils die Krönung des Alleine- Unterwegs-Seins.

Doch kürzlich stand ich vor einer ganz besonderen Herausforderung: Zum ersten Mal alleine zu fliegen! (Weltenbummler, für die es selbstverständlich ist, dauernd um den Globus zu jetten, sollten jetzt aufhören zu lesen). Nicht, dass ich Flugangst hätte. Im Gegenteil, ich fliege eigentlich gerne, wenn die Maschine erst mal in der Luft ist. Aber das ganze Prozedere an den Flughäfen macht mich nervös: Rechtzeitig dort sein, den richtigen Check-in-Schalter finden, die Umständlichkeiten bei der Sicherheitskontrolle (habe ich nicht doch ein Taschenmesser im Rucksack?), pünktlich am richtigen Gate sein und aufpassen, dass die Gatenummer nicht im letzten Moment noch ändert (statt nach Palermo wäre ich fast nach Athen geflogen). Erschwerend kam in diesem Fall hinzu, dass das Konzert, das der Grund meiner Reise war, noch am selben Abend stattfinden sollte und ich mit der Alitalia unterwegs war, die ja eigentlich pleite ist. Da ich in Rom umsteigen musste, war ich auf die Zuverlässigkeit von gleich zwei Flügen angewiesen. (Der alte Witz kam mir wieder in den Sinn: Warum küsst der Papst den Boden? – Weil er mit der Alitalia geflogen ist).

Es ging schliesslich alles gut, ausser dass ich bei der Gepäckausgabe eine längere Schrecksekunde hatte: Mein Koffer war nicht auf dem Laufband! Das Schild mit dem Hinweis, dass Personen aus Ländern ausserhalb der EU ihre Koffer an einem anderen Band abholen sollten, hatte ich zwar registriert. Aber ich brauchte einige Minuten, um zu merken, dass ich als Schweizerin ja auch davon betroffen war, da es ja EU hiess und nicht Europa! Vielleicht wäre das nicht passiert, wenn noch ein zweiter Kopf mitgedacht hätte. Aber auch nur vielleicht.

Jedenfalls bin ich stolz darauf, diese Herausforderung gemeistert zu haben und freue mich, dass ich nun eine neue Variante des Alleine-Unterwegsseins in meinem Repertoire habe.

 

„Sex & Gott & Rock’n’Roll“ – eine Rezension

Die Romantrilogie „Sex & Gott & Rock’n’Roll“ erzählt die bewegte Geschichte von Jeannie und Johnny, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt (ich beziehe mich hier auf die gesamte Trilogie).

Jeannie und Johnny sind durch eine tiefe Liebe miteinander verbunden, können dennoch nicht wirklich als Paar zusammen sein und kommen doch ihr Leben lang nicht voneinander los.

Das Buch begleitet Jeannie und Johnny fast durch ihre ganze Lebensgeschichte hindurch, angefangen mit ihrer Kindheit in den 50er/60er Jahren über die Jugendzeit in den 70ern, es endet in unserer Gegenwart im Alter von 60 Jahren. Dazwischen finden sich bewegte Jahrzehnte voller Höhen und Tiefen, tiefer Liebe und dramatischen Trennungen, intensiv empfundenen Glückes und abgrundtiefer Verzweiflung, Seelenverwandtschaft und innerer Zerrissenheit.

Der Titel „Sex & Gott & Rock’n’Roll“ umschreibt sehr gut die drei thematischen Schwerpunkte des Werkes: Liebe und Sexualität, die spirituelle Sinnsuche und der jeweilige Zeitgeist. Ersteres dominiert das Buch teilweise, was ihm jedoch keinen Abbruch tut, denn die erotischen Szenen sind stets in schöner Sprache und respektvoll geschildert. Die beiden anderen Themen hätten dagegen ruhig noch etwas mehr zum Zug kommen können. Das Thema Spiritualität bleibt inhaltlich teilweise etwas vage. Und neben der Erwähnung der Rockmusik der 70er Jahre (ich warte noch auf die CD zum Buch) wären noch weitere Seitenblicke auf den jeweiligen kulturellen und gesellschaftspolitischen Hintergrund interessant gewesen.

Als Leserin war ich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, konnte zusammen mit Jeannie und Johnny mitleiden, hoffen, bangen, fühlen und trauern. Ihre Beweggründe und Handlungen waren für mich stets nachvollziehbar. Dazu trägt auch der flüssige, anschauliche Sprachstil bei. Bei der Qualität dieses Werkes ist es erstaunlich, dass Tilmann Haberer bislang nicht als Romanautor hervorgetreten ist, sondern als Autor theologischer Sachbücher (So ist z.B. das Buch „Gott 9.0“, das er zusammen mit Marion und Werner Küstenmacher geschrieben hat, ebenfalls sehr lesenswert). Der theologische Hintergrund des Autors wird im Buch auf unaufdringliche, aber bereichernde Art spürbar.

Das Werk „Sex & Gott & Rock’n’Roll“ ist viel mehr als nur ein Liebesroman. Es ist ein Buch über das Leben mit all seinen Facetten, auch vor den Themen Krankheit, Alter und Tod macht es nicht Halt. Ich wünsche mir noch mehr solcher Bücher und hoffe, Tilmann Haberer schreibt weiter.