„Herr, bleibe bei uns…“

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„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“

Dieses Lied war ein Teil meiner kirchlichen Sozialisation. Ich fand es immer ein bisschen bieder. Als Jugendliche strömte es für mich so eine Art „Kirchgemeindehaus-Mief“ aus. Man sang es am Ende des Bibelkreises. Man sang es in den Gemeindeferien nach dem Abendessen. Im pastoralen Stil stimmte es der Pfarrer an, und man versuchte es mehr schlecht als recht im Kanon zu singen.

Den Text fand ich ziemlich banal. Der „Herr“, also Gott im traditionell männlichen, personalen Gottesbild, wird darum gebeten, bei einem zu bleiben, weil es Abend wird. Gott, der Beschützer. Dieses Lied schien für mich aus einer Zeit zu stammen, in der man noch Angst vor der Nacht hatte, vor Räubern und wilden Tieren. Nun gut, dachte ich, für die Leute mit einem personalen Gottesbild mag das wohl ein tröstlicher Gedanke sein, dass Gott auch am Abend noch bei einem bleibt, wie immer man sich das auch vorstellen mag.

Erst später, im Theologiestudium, entdeckte ich, dass es sich bei diesem Text eigentlich um einen Bibelvers handelt. In Lukas 24, 29 sagen zwei Jünger diesen Satz zu einem Mann, ohne zu wissen, dass es sich um Jesus handelt. Sie sind gemeinsam unterwegs; der Fremde, der eigentlich Jesus ist, hat ihnen auf ihrer Wanderschaft die Sinnhaftigkeit des Todes Jesu erklärt. Nun, am Abend, wollen die Jünger ihn nicht gehen lassen. Vielleicht sagen sie diesen Satz aus Besorgnis um ihn, es war damals gefährlich, in der Dunkelheit alleine unterwegs zu sein. Mit dem Lied wird diesem Bibelvers also eigentlich eine falsche Bedeutung gegeben, so dachte ich in meiner rationalen Phase, denn die Jünger baten damit nicht um Gottes Beistand. Oder vielleicht doch unbewusst? Haben sie gespürt, dass der Mann ihnen gut tut? Hatte er für sie bereits eine göttliche Ausstrahlung, noch bevor sie ihn im gemeinsamen Brotbrechen als Christus erkannten? Ist das Zitat des Bibelverses in einem Abendlied vielleicht doch nicht ganz so falsch?

Kürzlich bin ich wieder wie fast von selber auf dieses Lied gestossen. Ich wollte einen musikalischen Abendgottesdienst vorbereiten und hatte zunächst nicht die leiseste Idee zu einem Thema. Dann dachte ich: Warum nicht einfach den Abend selber zum Thema machen und ein paar Abendlieder singen? Und wie von selber kam mir dieser Satz in den Sinn: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“

Er sollte den roten Faden durch diesen Gottesdienst darstellen; wie ein Geborgenheit spendender Schirm sollte dieser Satz als Motto über dieser Feier stehen.

In der Vorbereitung fragte ich mich, zu welcher Zeit dieses Lied eigentlich entstanden sein mochte. Ich dachte zuerst an die Zeit des Dreissigjährigen Krieges, so wie die Paul-Gerhard-Lieder. Oder an die Zeit des Pietismus. Aber stattdessen, so stellte ich fest, ist das Lied im Jahr 1935 geschrieben worden, von einem gewissen Albert Thate, einem Kirchenmusiker in Düsseldorf.

Mehr konnte ich nicht über die Entstehungsgeschichte des Liedes in Erfahrung bringen. Aber das Jahr 1935 und der Ort Deutschland liessen mich aufhorchen. Es war zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nazis, die Gesellschaft war zu grossen Teilen gleichgeschaltet, Krieg lag in der Luft, und viele Menschen spürten, wie es in ihrem Land immer finsterer und bedrohlicher wurde.

In diesem Kontext musste ein solches Lied noch eine andere Dimension bekommen. Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Für Christen war es in dieser Zeit wohl naheliegend, Gott um seinen Beistand zu bitten. Angesichts dieser historischen Situation kommt mir der Satz vor wie ein Hilferuf: „Gott, steh uns bei, denn es wird finster bei uns!“ Vor diesem Hintergrund bekommt das Lied einen subversiven, gesellschaftskritischen, ja widerständigen Charakter. Ich kann mir vorstellen, dass es mit solchen Hintergedanken geschrieben und auch gesungen wurde. Andererseits konnte man ganz unschuldig sagen: Es ist einfach die Vertonung eines Bibeltextes, ein harmloses Abendlied, völlig unpolitisch. Dieses Lied zu singen, war also damals nichts anderes als ein versteckter Akt des Widerstandes. Mit dieser Erkenntnis habe ich nun einen ganz neuen Zugang zu diesem Lied gefunden.

Inzwischen liebe ich dieses Lied in seiner schlichten Mystik, umso mehr, als ich entdeckt habe, dass es im Schweizer Gesangbuch auch auf Französisch und – oh Freude – auf Romanisch abgedruckt ist. Denn im Gegensatz zu meiner Zeit als Studentin ist mir heute klar, dass es nicht nur um das korrekte, rationale Erfassen eines Textes geht. Ebenso können wir uns auf einer ganz anderen Ebene von der Stimmung, die ein Vers ausstrahlt, inspirieren und berühren lassen.

Im Abendgottesdienst thematisierte ich den Entstehungskontext des Liedes. Daneben entfaltete ich auch den Gedanken, dass wir uns mit diesem Vers – als Lied oder als Gebet – auch in guten Zeiten jeden Abend wieder neu in die Liebe und Geborgenheit Gottes hineinbegeben können. Und dies konnte ich mit voller Überzeugung sagen.

Nach dem Gottesdienst sagte eine Frau zu mir, das habe ihr jetzt sehr gutgetan. Sie habe manchmal am Abend so dunkle Gedanken und depressive Zustände. Da sei es für sie ein  tröstlicher Gedanke, dass Gott sie auch in diesen Stunden nicht verlässt. Sie werde diesen Vers von nun an jeden Abend beten.

Das ist das Faszinierende an Bibelversen und vielen anderen Texten: Je nach Kontext und Situation derer, die sie hören und lesen, können sie je ihre eigene Wahrheit entfalten.

5 Gedanken zu “„Herr, bleibe bei uns…“

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich konnte heute morgen nicht in die Kirche gehen, weil ich die Nacht zum Tage gemacht hatte und es plötzlich 6 Uhr war. Gerade schlichen sie Kopfschmerzen an und ich bin dann doch noch zu Bett gegangen. Danke für diese kleine „Predigt“, denn auch ich hadere mit diesem Lied und mag die Melodie nicht sonderlich gerne, Manchmal ist es aber ganz einfach zu beten, wenn man sich an ein Lied erinnert, dass wie ein Gebet ist.
    Einen schönen Sonntag, Zoé

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: „Herr, bleibe bei uns…“ – nicolesblog – theolounge.blog

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