„Sex & Gott & Rock’n’Roll“ – eine Rezension

Die Romantrilogie „Sex & Gott & Rock’n’Roll“ erzählt die bewegte Geschichte von Jeannie und Johnny, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt (ich beziehe mich hier auf die gesamte Trilogie).

Jeannie und Johnny sind durch eine tiefe Liebe miteinander verbunden, können dennoch nicht wirklich als Paar zusammen sein und kommen doch ihr Leben lang nicht voneinander los.

Das Buch begleitet Jeannie und Johnny fast durch ihre ganze Lebensgeschichte hindurch, angefangen mit ihrer Kindheit in den 50er/60er Jahren über die Jugendzeit in den 70ern, es endet in unserer Gegenwart im Alter von 60 Jahren. Dazwischen finden sich bewegte Jahrzehnte voller Höhen und Tiefen, tiefer Liebe und dramatischen Trennungen, intensiv empfundenen Glückes und abgrundtiefer Verzweiflung, Seelenverwandtschaft und innerer Zerrissenheit.

Der Titel „Sex & Gott & Rock’n’Roll“ umschreibt sehr gut die drei thematischen Schwerpunkte des Werkes: Liebe und Sexualität, die spirituelle Sinnsuche und der jeweilige Zeitgeist. Ersteres dominiert das Buch teilweise, was ihm jedoch keinen Abbruch tut, denn die erotischen Szenen sind stets in schöner Sprache und respektvoll geschildert. Die beiden anderen Themen hätten dagegen ruhig noch etwas mehr zum Zug kommen können. Das Thema Spiritualität bleibt inhaltlich teilweise etwas vage. Und neben der Erwähnung der Rockmusik der 70er Jahre (ich warte noch auf die CD zum Buch) wären noch weitere Seitenblicke auf den jeweiligen kulturellen und gesellschaftspolitischen Hintergrund interessant gewesen.

Als Leserin war ich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, konnte zusammen mit Jeannie und Johnny mitleiden, hoffen, bangen, fühlen und trauern. Ihre Beweggründe und Handlungen waren für mich stets nachvollziehbar. Dazu trägt auch der flüssige, anschauliche Sprachstil bei. Bei der Qualität dieses Werkes ist es erstaunlich, dass Tilmann Haberer bislang nicht als Romanautor hervorgetreten ist, sondern als Autor theologischer Sachbücher (So ist z.B. das Buch „Gott 9.0“, das er zusammen mit Marion und Werner Küstenmacher geschrieben hat, ebenfalls sehr lesenswert). Der theologische Hintergrund des Autors wird im Buch auf unaufdringliche, aber bereichernde Art spürbar.

Das Werk „Sex & Gott & Rock’n’Roll“ ist viel mehr als nur ein Liebesroman. Es ist ein Buch über das Leben mit all seinen Facetten, auch vor den Themen Krankheit, Alter und Tod macht es nicht Halt. Ich wünsche mir noch mehr solcher Bücher und hoffe, Tilmann Haberer schreibt weiter.

 

 

 

 

 

 

Wie sieht Ostern aus?

Mal ganz ehrlich: Was denken Sie als Erstes, wenn Sie das Wort Ostern hören? Welche Bilder und Assoziationen kommen Ihnen ganz spontan zu diesem Begriff in den Sinn?

Ich vermute, es sind die Ostereier. Mir ging es jedenfalls lange Zeit so. Das grosse O am Anfang dieses Wortes erinnert ja auch an ein Osterei. Vielleicht denkt man ja auch an Osterhasen, Osterdekorationen mit farbigen Frühlingsblumen, nach einem langen Winter sieht man grünes Gras und Osterglocken vor dem inneren Auge. Oder man denkt an einen österlichen Brunch mit leckeren Speisen und dem vergnüglichen Eiertütschen. Aber die wenigsten Menschen werden bei diesem Wort als Erstes an die Auferstehung Jesu denken.

Das ist auch verständlich. Denn das, was wir an Ostern eigentlich feiern, nämlich die Auferstehung Jesu von den Toten, kann man sich nicht so leicht bildlich vorstellen.

Mit Weihnachten ist es etwas anders: Zwar hat auch der Weihnachtsbaum mit der biblischen Weihnachtsgeschichte herzlich wenig zu tun, aber wenigstens gibt es die Weihnachtskrippe und Krippenspiele, welche diese Geschichte anschaulich machen. Die Weihnachtsgeschichte wird auch sonst auf vielerlei Art dargestellt und nacherzählt, so dass die meisten Menschen einen inneren Bezug herstellen können zwischen dem Fest und der biblischen Überlieferung, die dem zugrunde liegt.

Was hingegen Ostern betrifft, so ist zu befürchten, dass mit der Zeit immer weniger Menschen wissen, was da eigentlich gefeiert wird. Nein, es ist nicht ein Frühlingsfest. Nein, es geht hier nicht um die Ostereier und Osterhasen. Auch nicht um den Brauch des Eiertütschens und Brunchens, auch nicht darum, dass man da ein paar Tage frei hat, um nochmal auf die Skipiste zu gehen oder ins Tessin (und auch der Stau am Gotthard hat mit Ostern ursprünglich nichts zu tun). Alles das gehört zwar inzwischen auch dazu, ist aber nicht der eigentliche Sinn dieses Festes.

Das Problem ist, dass die Auferstehung Jesu nicht so leicht abzubilden ist wie die Krippenszene aus der Weihnachtsgeschichte.

Das liegt in der Natur der Sache. Auch in der Bibel wird die Auferstehung nicht direkt beschreiben, es gibt davon keine Augenzeugenberichte. Das einzige Zeugnis davon ist das leere Grab, das Maria von Magdala und „die andere Maria“ am frühen Morgen des dritten Tages nach der Kreuzigung entdecken. Auch in der Kunst gibt es wenige Bilder, welche die Auferstehung darzustellen versuchen.

Wie können wir nun Ostern mit der Auferstehung verbinden? Wie kann man die Bedeutung von Ostern sichtbar und erfahrbar machen?

Die kirchliche Tradition hat viele Bräuche und Rituale entwickelt, um mit Symbolen den Sinn des Osterfestes verständlich zu machen.

Sehr alt ist die Tradition der Nachtwache. Wegen der Entdeckung des leeren Grabes Jesu „früh am Morgen, als eben die Sonne aufging“ ist die Morgenröte im Christentum Symbol der Auferstehung. Die Canones Hippolyti  (um 350) gaben daher für die Osternacht die Weisung: „Alle sollen daher bis zur Morgenröte wachen, dann ihren Leib mit Wasser waschen, bevor sie Pascha feiern, und das ganze Volk sei im Lichte“.

Im 12. Jahrhundert leitete man den Begriff Ostern von Osten ab, der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs. Der Ort der aufgehenden Sonne galt als Symbol des auferstandenen und wiederkehrenden Jesus Christus. Viele neue Christen ließen sich damals bei Sonnenaufgang am Ostermorgen taufen.

Aus diesem Brauchtum haben sich die Osterfrühfeiern und die Osternachtsfeiern entwickelt, die heute auch bei uns Reformierten in vielen Kirchgemeinden gefeiert werden. Dabei wird auf dem Friedhof ein Osterfeuer entzündet als Symbol für die Auferstehung, für das Leben inmitten des Todes. In diesem Zusammenhang steht auch der Brauch der Osterkerze. Diese wird mit einer Flamme des Osterfeuers entzündet. So gelangt das Licht der Auferstehung in die Kirche. Die Osterkerze brennt dann in jedem Gottesdienst des Kirchenjahres. Bei Tauffeiern entzündet man an ihrer Flamme die Taufkerze, am Ewigkeitssonntag wird für jeden Verstorbenen eine Kerze daran angezündet, um die Hoffnung der Auferstehung zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Art wird die Präsenz des Auferstandenen bei allen gottesdienstlichen Anlässen sichtbar gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest, viel Freude am Eiertütschen – und vergessen Sie dabei nicht, was Ostern wirklich bedeutet.

Dieser Text erschien im April 2017 als Editorial in der Kirchenzeitung „Reformiert“.

Weihnachten im Pfarramtsbüro

Schon wieder zündet sich Theo eine Zigarette an. Eigentlich hat er ja schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ein Pfarrer raucht schliesslich nicht, sonst wäre er ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Aber jetzt ist eine besondere Situation. Rauchen hilft ihm beim Nachdenken, und das hat er bitter nötig, jetzt am Heiligabend um 16 Uhr 30. Er hat noch kein Wort von der Predigt geschrieben, die er in wenigen Stunden an der Christnachtfeier halten soll – und schliesslich muss er vorher auch noch mit der Familie gemütlich Weihnachten feiern.

Ratlos sitzt er vor einem leeren Blatt Papier. Von Hand kann er besser Predigten schreiben, da kann er besser denken – eigentlich. Aber jetzt…? „Liebe Gemeinde! Wieder einmal feiern wir Weihnachten!“ Ach, so ein Quatsch, das wissen die Leute doch selber, denkt Theo, zerknüllt das Papier und wirft es in hohem Bogen hinter sich auf den Boden. Das tut gut, besser als am Computer die Delete-Taste zu drücken.

Was soll er nur predigen? Nun ist er schon seit 25 Jahren im Pfarramt, er hat seine 25. Weihnachtspredigt zu schreiben. Weihnachten ist doch immer das Gleiche, aber er muss jedes Jahr etwas Neues bringen. Nächster Versuch: „Liebe Gemeinde! Was bedeutet uns Weihnachten heute?“ – Nein, das ist doch auch immer wieder dasselbe. Das nächste Papierknäuel landet auf dem Boden. Schade, dass ich keinen Kamin habe, denkt Theo, das gäbe ein hübsches Feuerchen.

In Gedanken geht er noch einmal die verschiedenen Weihnachtspredigten seiner Pfarrerkarriere durch. Beim ersten Mal, als er gerade frisch vom Studium gekommen ist, hat er eine sorgfältige Exegese der biblischen Weihnachtsgeschichte erstellt – natürlich anhand des griechischen Urtextes – und eine Auslegung gemäss der Theologie Karl Barths in seine Predigt verpackt. Er hat dann im Gottesdienst in lauter ratlose Gesichter geblickt.

Im Jahr darauf wollte er der Gemeinde die politische Dimension der Weihnachtsgeschichte näherbringen. Er zeigte auf, dass Maria und Josef Flüchtlinge waren, die Hirten Angehörige der Unterschicht, Herodes und Kaiser Augustus grausame Despoten und die Heiligen drei Könige Ausländer. Mit gereckter Faust hat er von der Kanzel herab zum Kampf gegen den Kapitalismus aufgerufen, er hat vorgerechnet, wieviele Kinder weltweit pro Sekunde verhungern und hat die Menschen gemahnt, keine Weihnachtsgeschenke zu kaufen, sondern das Geld dafür an Hilfswerke zu spenden. Er hat sich dann fast geschämt, als später eine Frau zu ihm sagte, von ihrer Sozialhilfe könne sie ihren Kindern sowieso keine Geschenke kaufen, geschweige denn etwas spenden, und um für irgendetwas politisch zu kämpfen habe sie in ihrem Alltag gar keine Kraft.

In einem anderen Jahr liess er einen verdorrten Weihnachtsbaum in die Kirche stellen, um an die Umweltzerstörung zu mahnen, und um die Verbundenheit mit der Schöpfung zum Ausdruck zu bringen, liess er sogar einen echten Ochsen und einen echten Esel in die Kirche bringen. – Die Sigristin hat daraufhin fristlos gekündigt.

Ein anderes Mal hat er in der Predigt erklärt, dass die Jungfrauengeburt keinesfalls als biologisches Faktum, sondern nur als mythologische Botschaft zu verstehen sei, und dass sämtliche Vorstellungen von Himmel und Engeln sowieso nur Projektionen des Unbewussten seien. Das gab sogar Kirchenaustritte!

Seufzend starrt Theo auf sein leeres Blatt und zündet sich die nächste Zigarette an.

 *

Inzwischen sind die zerknüllten Papierkugeln auf dem Boden zu einem Haufen angewachsen. Theos Gedanken schweifen abermals ab. Ihm kommt sein Schulkollege Kurt in den Sinn, der überzeugte Atheist. Bei jedem Klassentreffen sagt er zu ihm: „Na, bist du immer noch Pfaffe und erzählst den Leuten auf der Kanzel irgendein Geschwätz?“ Vielleicht hat er Recht? Theo kaut an seinem Kugelschreiber. Was hat er nicht alles probiert, um an Heiligabend etwas Leben in die Kirche zu bringen! Er erinnert sich noch gut an das Jahr, als er mit farbig blinkenden Lichtern die Kirche in eine Art Disco verwandelt hat. Das hat gar nicht schlecht ausgesehen! Doch als die Band mit E-Gitarre und Schlagzeug „Ihr Kinderlein kommet“ anstimmte, wollte niemand so recht mitsingen.

Dann erinnert sich Theo an die Waldweihnacht, an der es in Strömen regnete, an den amerikanischen Gospelsänger, der immer wieder „Hallelujah, praise the Lord!“ in die Kirche rief, an den Kinderchor, von dem nur die Hälfte erschien und an seinen Auftritt als Entertainer, als er mit Weihnachtsmann-Mütze auf dem Kopf mit dem Mikrophon durch die Reihen ging und Witze erzählte. Man kann ihm sicher nicht vorwerfen, dass er all die Jahre keine Ideen gehabt hätte! Und doch war die Resonanz auf seine Einfälle eher dürftig, die Reaktionen verhalten; niemals konnte auch nur ein Funken wirklicher Begeisterung oder gar weihnachtliche Stimmung aufkommen. Was macht er nur falsch?

Theo hat sich gerade für seine nächste Zigarette ein Streichholz angezündet, als sein Blick auf eine Kerze fällt, die verstaubt in einer Ecke steht. Einem inneren Impuls folgend zündet er statt der Zigarette die Kerze an. Schon lange hat er keine Kerze mehr angezündet; seit die Kinder gross sind, haben sie auch keinen Adventskranz mehr. Sein Blick verliert sich in der Flamme. Erinnerungen tauchen auf, von ganz früher, aus seiner Kindheit.

*

Vorsichtig klopft Ruth an Theos Bürotür. Sie weiss, dass ihr Mann leicht unerträglich wird, wenn man ihn beim Predigtschreiben stört. Doch jetzt muss sie ihn fragen, ob er nun eigentlich fertig sei, die Bescherung fange gleich an.

Als Ruth eintritt, erschrickt sie. „Theo, was ist mir dir? Du siehst so komisch aus! Aber Theo, du weinst ja! Geht es dir nicht gut?“

Doch da zaubert sich auf Theos tränennasses Gesicht ein seltsames Strahlen. Mit verklärtem Blick sagt er zu seiner Frau: „Doch, Ruth, es geht mir wunderbar! Mir wurde gerade der Sinn von Weihnachten offenbart. Weisst du, Exegese, politische Botschaft, Projektionen des Unbewussten, Waldweihnacht, Disco, Entertainment – das können wir alles vergessen. An Weihnachten geht es um etwas ganz anderes!“

Da fällt Ruths Blick auf das voll beschriebene Blatt Papier. Sie beginnt zu lesen:

„Liebe Gemeinde! Vergessen Sie alles, was Sie schon über Weihnachten gehört oder gelesen haben. Lassen Sie sich einfach berühren von der Weihnachtsbotschaft. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns dadurch seine bedingungslose Liebe erwiesen. Lassen Sie also die Liebe Gottes mitten in Ihr Herz hineinleuchten. Spüren Sie, dass Gott die Menschen liebt, dass er auch Sie liebt, so wie Sie sind, ja Sie ganz persönlich! In den Lichtern des Weihnachtsbaumes kommt das Licht Gottes in Jesus Christus direkt zu uns, in unsere Welt und in unsere Herzen hinein. Lassen Sie dieses Licht leuchten, lassen Sie sich einladen in die Gnade und Güte, die uns in diesem Licht entgegen kommt. Und lassen Sie dieses Licht ausstrahlen, geben Sie es weiter an ihre Mitmenschen, an die Welt. Lasst uns heute ganz einfach Gottes Liebe feiern. Lassen wir uns tief berühren von der Macht, der Kraft und der Liebe, aus der die Welt entstanden ist. Lassen wir uns annehmen von dieser Macht und nehmen wir einander an. Ich wünsche Ihnen ganz einfach ein schönes, friedliches und gesegnetes Weihnachtsfest, voller Licht und voller Liebe. Amen.“

Diese Geschichte war meine Predigt in der Christnachtfeier 2013 in der Kirche Uetendorf. Sie ist übrigens völlig frei erfunden. Allfällige Ähnlichkeiten mit realen Situationen oder Personen sind reiner Zufall!

Rezension zum Buch „Sonntagsarbeit“ von Christiane Müller

In „Sonntagsarbeit“ berichtet Christiane Müller über ihren Alltag als Pfarrerin. In meist kurzen Geschichten und Anekdoten lässt sie uns teilhaben an den Freuden und Leiden dieses Berufes. Mit viel Humor, einem ausgesprochenen Sprachwitz und einer guten Portion Selbstironie gibt sie uns Einblick in oftmals kuriose Situationen ihres Pfarramtsalltages: Die vielen Geburtstagsbesuche, die unbedingt erwartet werden, der Kirchenvorstand, der die neue Pfarrerin beim Begrüssungsapéro fast ignoriert, die Schulklasse, die ihr den letzten Nerv raubt. Oftmals kommt man beim Lesen ins Schmunzeln, manchmal möchte man den Kopf schütteln oder auch laut herauslachen. Ganz offen und ungeschminkt berichtet Christiane Müller auch von eigenen Fehlern und Peinlichkeiten, die ihr passiert sind. Bei aller Ernsthaftigkeit, die dem Pfarrerberuf zu eigen ist, bekommt man den Eindruck, dass vieles auch einen gewissen Humor verträgt. Oder dass sich manche Dinge überhaupt nur mit einer guten Prise Humor aushalten lassen. Dazu zitiert Christiane Müller eine Kollegin mit dem treffenden Satz: „Humor ist, wenn man trotzdem Christ bleibt“.

Doch neben all der Situationskomik versteht es die Autorin auch, leise, feinfühlige und nachdenkliche Töne anzuschlagen. Zum Beispiel wenn sie über ihr fast freundschaftliches Verhältnis zum Tod spricht. Oder von ihrer Zeit im Kloster, von ihrer Spiritualität und der Suche nach ihrer eigenen Berufung. Oder wenn sie uns an bewegenden und berührenden Lebensgeschichten ihrer Mitmenschen teilhaben lässt.

Beim Lesen wird deutlich, dass Christiane Müller ihren Beruf liebt und gleichzeitig an den Umständen ihrer Arbeit leidet: An Engstirnigkeit und Kleinkariertheit im kirchlichen Umfeld, an der übergrossen Arbeitsbelastung, an den Arbeitsbedingungen, die kaum Freizeit und Privatleben zulassen. So stimmt das Ende des Buches auch nachdenklich und fast ein bisschen traurig: Nach zwölf Jahren im Pfarramt mit zwei Stellenwechseln fühlte Christiane Müller sich „ausgelutscht“, bekam psychosomatische Beschwerden und beschloss, zumindest vorläufig aus dem Pfarramt auszusteigen. Sie ist nun für zwei Jahre beurlaubt, ihre berufliche Zukunft ist offen.

Insofern hat dieses Buch auch eine kirchenpolitische Dimension. Es stellt sich die Frage, wie lange die Kirche es sich noch leisten kann, solch motivierte, begabte und kompetente Leute durch unzeitgemässe Arbeitsbedingungen zu vergraulen.

„Sonntagsarbeit“ ist ein Buch für alle, die einmal einen Einblick hinter die Kulissen eines Pfarramtes werfen wollen sowie für Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich wohl in einigen der Erzählungen wiederfinden werden. Die gute Mischung aus geschliffener Sprache, Humor und Nachdenklichkeit machen die Stärke dieses Buches aus. Es ist wirklich ein Buch über „gelebtes Leben“, wie es im Klappentext heisst.

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Die alte und die neue Bibel

Ich habe mir eine Bibel gekauft. Für eine Theologin klingt das vielleicht etwas ungewöhnlich; man sollte meinen, dass ich schon eine habe. Das stimmt auch. Aber ich habe eine neue Bibel gebraucht, weil meine alte langsam am auseinanderfallen ist. Auch wenn ich mehrere Bibelausgaben und –Übersetzungen besitze, ist dies eben doch ein besonderes Exemplar.

Die alte Bibel habe ich mir im Jahr 1985 gekauft, als ich gerade mein Theologiestudium angefangen hatte. Es handelt sich um eine Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984, sie ist also damals ganz neu erschienen. Sie war, unter Wahrung der typischen Luther-Sprache, an die heutige Sprache neu angepasst worden, nachdem man festgestellt hatte, dass die alte Lutherübersetzung immer schwerer verständlich wurde.

So begann ich also mein Theologiestudium mit einer nagelneuen Bibel. Diese Bibel hat mich durch mein ganzes Studium hindurch begleitet – und danach auch durch mein ganzes bisheriges Pfarrerinnenleben, also inzwischen insgesamt 30 Jahre lang. Ich wundere mich, dass dieses Buch nicht schon längst völlig zerfleddert ist.

Auch wenn ich häufig andere Bibelübersetzungen verwende und neuerdings auch hin und wieder auf die elektronische Bibel zurückgreife, ist doch diese Ausgabe diejenige, die ich auch heute noch am meisten zur Hand nehme. Ich gebe zu, dass ich auch nach 27 Jahren in der Schweiz mich nie wirklich an die Zürcher Übersetzung gewöhnen konnte. Da liegt mir die Einheitsübersetzung näher oder, wenn es zum Vorlesen sehr gut verständlich sein soll, auch mal die „Gute Nachricht“ im heutigen Deutsch. Doch die gute alte Lutherbibel ist mir nach wie vor im Wortlaut am vertrautesten.

Die Formulierung aus Jesaja 43: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! klingt für mich einfach flüssiger, weniger sperrig und auch irgendwie poetischer als z.B. das Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir  in der Version der Einheitsübersetzung. Aber ich bin mir bewusst, dass es hier vor allem um Gewohnheiten und persönliche Vorlieben geht.

Im Theologiestudium war es sowieso üblich, mit dem Urtext auf dem Pult in der Vorlesung zu sitzen, und es gab immer Leute, die mit der grössten Selbstverständlichkeit in der Biblia Hebraica oder dem Novum Testamentum Graece herumblätterten, so als seien sie in der eigenen Muttersprache geschrieben. Ich kenne aber wenig Theologiestudierende, die nicht öfters mehr oder weniger verstohlen die deutsche Übersetzung zur Hilfe nahmen.

Nun habe ich also eine neue Bibel, ebenfalls wieder eine Lutherbibel. Es ist mir nicht leicht gefallen, mein altes Exemplar sozusagen in Pension zu schicken. Auch wenn die neue Bibel eigentlich den gleichen Text hat, ist sie für mich doch anders, noch etwas fremd und eben noch nicht so ganz „meine“. In meiner alten Bibel sind so viele Spuren zu entdecken von meiner Arbeit mit diesen Texten. Notizen am Rand, alle mit Bleistift angefertigt, Markierungen von besonders wichtigen Stellen, Striche, wo ein bestimmter Textabschnitt anfängt und aufhört, Einrahmungen wichtiger Stellen, die Nummerierung der sieben Schöpfungstage, ein dicker Strich beim „geschichtlichen Credo“ in Deuteronomium 26. Auch Spuren des Pfarramtes sind gut sichtbar: Pfeile und Striche, wo jeweils eine Lesung beginnen und enden sollte, die Markierung von Psalmen, die sich für Lesungen in der Seelsorge besonders gut eignen. Manchmal auch durchgestrichene Passagen, die ich beim Vorlesen gerne auslasse, wie z.B. im ansonsten wunderschönen Psalm 139 die Verse 19 – 22, in denen hasserfüllt den Gottlosen der Tod gewünscht wird. Und manche Seiten sind bereits zerfleddert oder sogar etwas eingerissen, z.B. bei Lukas 2, an der ich jede Weihnacht Lesezeichenkleber angebracht und wieder entfernt habe.

An dieser Bibel ist meine persönliche Beziehung zu diesem Buch sichtbar geworden. Ich sage aber ganz offen, dass ich keine Fundamentalistin bin.  Die Bibel ist meiner Ansicht nach weder vom Himmel gefallen noch von Gott diktiert worden. Sie wurde von Menschen geschrieben. Insofern ist sie für mich ein Gebrauchs- und Forschungsgegenstand. Die Menschen haben darin ihre Lebens- und Gotteserfahrungen verarbeitet. Darum sind diese Texte auch oft so spannend, bewegend, berührend, manchmal allzu menschlich, mal erbaulich und manchmal eben auch verstörend. Sie erzählen mir, wie Menschen nach Gott suchten und fragten, wie sie mit Gott rangen und immer wieder auch Gott begegneten, Wunder erlebten und neue Lebensperspektiven fanden. Es ist ein Buch, mit dem ich mich schon über die Hälfte meines Lebens auseinandersetze, mich daran reibe, manchmal auch innerlich streite, um doch immer wieder Überraschendes, Berührendes und Neues darin zu finden. Und für mich grenzt es schon fast an ein Wunder, dass ich in diesen uralten Texten immer wieder Stoff entdecke, den ich in Gesprächen und Predigten entfalten und mitteilen kann, der neue Denkanstösse hervorbringt, die ich mit anderen Menschen teilen und für unser Leben fruchtbar machen kann.

Nun werde ich mit der neuen Bibel unterwegs sein. Mit der Zeit wird auch sie immer mehr Spuren des Gebrauches bekommen. Aber ich werde nach und nach meine Eintragungen aus der alten Bibel in die neue übertragen. Auf diesen Erfahrungsschatz möchte ich nicht verzichten.

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Dieser Text wird im Mai als Editorial der „Reformiert“-Gemeindeseite, Ausgabe Thierachern, Wichtrach, Gerzensee und Kirchdorf erscheinen.