Diario Bolognese: Ein Jahr später

Nie hätte ich gedacht, dass mein Blog „Diario Bolognese“ noch einmal eine Fortsetzung finden würde – und schon gar nicht eine so traurige.

Ein Jahr ist es jetzt her, seitdem ich mich zu einem 2-wöchigen Sprachaufenthalt auf den Weg nach Bologna gemacht habe. In letzter Zeit gehen meine Gedanken wieder vermehrt in Richtung Italien und nach Bologna. Die Nachrichten aus Italien sind schockierend und machen mich sehr traurig.

Die Stadt Bologna, in der ich eine so schöne Zeit verbracht habe – wie mag es jetzt wohl dort aussehen, so fest im Griff der Ausgangssperre? Die Piazza Maggiore – leergefegt. Die Gässchen mit den Spezialitätenläden, das Uniquartier – menschenleer. Das quirlige, lebendige Bologna als Geisterstadt kann ich mir nicht so recht vorstellen. Auf der Facebookseite „Bologna Inside“ habe ich ein paar Bilder gesehen:

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Wie sehr habe ich mich noch letzten Herbst gefreut, als die Bilder von der Bewegung der „Sardinen“ von Bologna aus durch die Welt gingen. Unter dem Hashtag #Bolognanonsilega hatten sich viele Menschen auf der Piazza Maggiore versammelt – eng zusammenstehend wie Sardinen in der Dose – um gegen Salvini zu demonstrieren. Ein Bild, das jetzt wohl noch für lange Zeit unmöglich sein wird.

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Und wie mag es wohl den Menschen gehen, die ich damals kennengelernt habe?
Vor einigen Tagen habe ich Anna, meiner „Schlummermutter“ eine Mailnachricht geschrieben. Dass ich viel an sie denke und an die schöne Zeit in Bologna; dass die Nachrichten aus Italien mich sehr traurig machen. Und dass ich hoffe, es gehe ihr gut und sie sei gesund. Und am Schluss noch ein „Dio te tenga“ und „molto abbracci e baci“ an sie und ihren Kater.
Sie hat mir geantwortet, sie freue sich sehr von mir zu hören. Sie sei gesund wie auch alle anderen Leute in ihrem Bekanntenkreis. Aber sie sei „un po triste“. Ihren Blumenladen musste sie am 12. März schliessen.

Ob sie ihn je wieder wird öffnen können? Ob sie ihre Wohnung behalten kann? Solche Gedanken beschäftigen mich jetzt sehr. Was macht diese Krise aus Italien und seinen Menschen? Werde ich dieses Land einmal wieder so vorfinden, wie ich es kennen- und liebengelernt habe? Wird sich das Nord-Süd-Gefälle weiter verstärken? Der Populismus noch mehr erstarken? Oder wird Italien wieder neu aufleben können, wenn alles durchgestanden ist? Und wann wird das sein?

Die hässlichen Diskussionen zwischen Italien und Deutschland um die Eurobonds erschüttern mich. Ich hoffe, dass die dringend notwendige europäische Solidarität bald greifen wird. (Auch die Schweiz dürfte sich noch etwas solidarischer zeigen). Aber etwas mehr Sachlichkeit in der Diskussion wäre für alle heilsam.

Meine persönlichen Pläne bezüglich Italien musste ich ändern. Ende April wäre ich wieder zu einem Sprachaufenthalt aufgebrochen, dieses Mal nach Verona. Ich konnte den Kurs auf Ende August verschieben. Ob bis dann wieder eine Reise nach Norditalien möglich sein wird…? Momentan lerne ich Italienisch vom Sofa aus, was meinen Fortschritten nicht gerade sehr zuträglich ist. Aber ich bleibe dran.

Denn erst im Februar hatte ich den Plan gefasst, im Jahr 2022 meinen Studienurlaub anzutreten und in Palermo zu verbringen, um dort 3 Monate lang bei einem Hilfswerk mitzuarbeiten. Den Vorsatz, ein Mail mit einer Anfrage an das Hilfswerk zu schreiben – natürlich auf Italienisch – habe ich inzwischen wieder von meiner Pendenzenliste gestrichen. Die Leute dort haben jetzt sicher andere Probleme (z.B. die hungernde Bevölkerung zu versorgen) und wissen wohl selber nicht, was in 2 Jahren sein wird. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Meine Idee werde ich weiterverfolgen.

Nun hoffe ich sehr, dass Italien sich bald von diesem Drama erholen und eine Art Auferstehung erleben wird. Das gemeinschaftliche Singen der Menschen von den Balkonen, die vielen mutmachenden Voten wie „Tutto andrà bene“ oder „Ce la faremo“ und die Beleuchtung von Gebäuden in den italienischen Farben geben Kraft und Zuversicht.
Und im Blick auf mein eigenes Land, das im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mit am schwersten betroffen ist, denke ich: Wir sitzen alle im gleichen Boot, wir sind alle eine grosse Menschheitsfamilie, wir sollten zusammenhalten, denn bewältigen können wir diese Krise nur gemeinsam.

Wie auch immer: Italien wird in meinem Herzen bleiben.

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P.S.: Meinen Blog „Diario Bolognese“ kann man jetzt im Zusammenhang und in der richtigen Reihenfolge lesen. Siehe https://nicolesblog.net/reiseblog-diario-bolognese/

Diario Bolognese – Epilog

Was bleibt

„Was, du bist schon zurück?!?“ wurde ich in letzter Zeit manchmal bei Begegnungen gefragt. Ich habe dann erklärt, dass ich meine Tagebuchaufzeichnungen erst nachträglich zu einem Reiseblog verarbeitet habe.

Nun ist mein Bologna-Aufenthalt bereits über sechs Wochen her. Die kreative Aufarbeitung der einzelnen Tage, die Ausformulierung der Beiträge, das Versehen der Texte mit Fotos und teilweise auch mit Musik-Links waren für mich eine schöne Rückschau auf meine Italien-Reise. So konnte ich das Erlebte Tag für Tag noch einmal nacherleben und so manches Mal auch wieder nachfühlen. Teilweise war dies für mich mit intensiven Gefühlen verbunden. So war ich beispielsweise tief berührt, als ich bei der Bearbeitung des Beitrages „L‘ultimo volo“ vom 7. Tag das dazu passende Musikvideo auswählte, oder als ich für den 12. Tag das Lied „Giulio“ mit dem weinenden Roberto Vecchioni anschaute, nachdem ich das Schicksal des jungen Mannes beschrieben hatte.

 

Durch das kreative Nacharbeiten wird diese Reise mit ihren vielen Eindrücken für mich noch lange Zeit in intensiver Erinnerung bleiben. Und wenn die Erinnerungen mal verblassen sollten, kann ich sie ja wieder nachlesen.
Dabei fand ich es besonders schön, meine Gedanken und Erlebnisse mit Anderen zu teilen und zu merken, dass manche Leute offenbar Freude daran haben, sie zu lesen. An dieser Stelle danke ich allen, die meine Beiträge mitverfolgt und manchmal auch darauf reagiert haben. So habe ich das Gefühl, diese Reise nicht ganz allein gemacht zu haben.

Was bleibt?
Vieles. Die Erfahrung, mich in einer fremden Gegend alleine zurechtzufinden, die Begegnung mit Menschen aus Italien und anderen Weltgegenden, das Eintauchen in den italienischen Alltag, die Herausforderung, mich in einer fremden Sprache zu verständigen, das Berührtwerden von uralter kirchlicher Kunst und die Konfrontation mit den Opfern von Gewalt (sowie mit den Versuchen, die Schuld zu vertuschen). Und auch die viele Musik, die mich durch diese Tage begleitet hat, vor allem von Lucio Dalla, Pippo Pollina und dem neu entdeckten Roberto Vecchioni. Diese Reise wäre viel ärmer gewesen ohne die Musik.

Und das Italienisch? – Ich werde dranbleiben, habe ich mir vorgenommen, sonst wäre das viele Lernen umsonst gewesen. Und wenn ich mich frage, wofür ich das eigentlich mache, fällt mir ein, dass ich ja irgendwann in den nächsten Jahren auch noch vier Monate Sabbatical zugute habe. So langsam strecke ich diesbezüglich meine Fühler in Richtung Italien aus. Mal sehen, was sich da so ergibt.
Schon sehr bald steht meine nächste Italienreise an, nur für wenige Tage und etwas weiter südlich…

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Diario Bolognese – Rückreise

Dieses Mal erwische ich den richtigen Zug nach Milano und kann endlich erleben, wie schnell die Reise zwischen den beiden Städten gehen kann. Inzwischen kenne ich mich mit den italienischen Zügen gut aus; mir ist jetzt bekannt, dass der Hochgeschwindigkeitszug „Frecciarossa” heisst und ich weiss auch, wie ich im Internet ausführliche Fahrplaninformationen finden kann. Was mir auf der Hinfahrt passiert ist, würde mir also jetzt nicht mehr passieren.
Halb dösend lasse ich die Landschaft der Po-Ebene an mir vorbeiziehen.

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In Milano stelle ich fest, dass der Zug in die Schweiz zehn Minuten Verspätung hat. Zeit genug, um auf den Bahnhofsvorplatz zu gehen und mir diesen Monumentalkoloss von Bahnhof einmal von aussen anzusehen. Die Architektur ist eindrücklich, aber auch erdrückend. Meine Vermutung, dass die Faschisten beim Bau ihre Finger im Spiel hatten, kann ich später durch Wikipedia bestätigen.

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Das Einsteigen in den Zug ist wieder einmal gewohnt chaotisch, die wenigen Kofferabstellplätze sind bereits durch Fahrräder belegt, ich stelle meinen Koffer also halb in den Gang. Dann geniesse ich die Fahrt durch die norditalienische Landschaft in der Abendsonne. Sogar ein paar Blicke auf den Lago Maggiore kann ich erhaschen.

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Domodossola – ich nähere mich der Schweizer Grenze. Das Zuhause rückt näher mit allem, was ich dort zurückgelassen habe.
Ich hatte Michael gesagt, dass ich von ihm keinen Grossputz erwarten würde, aber die Wohnung bei meiner Rückkehr in ungefähr ähnlichem Zustand vorfinden möchte wie bei meiner Abreise. Fabio wird noch ein paar Tage bei meiner Mutter bleiben. Ich freue mich auf beide. Leider sehe ich meinen Mann noch ein paar Wochen lang nicht, so dass ich ihm nicht direkt von meinen Eindrücken erzählen kann.
Und beruflich? Indem ich meinen Kopf stark auf das Italienischlernen konzentrieren musste, konnte ich darüber alles andere vergessen, was mich vorher beruflich beschäftigt hat. Das ist gut so. Nun muss ich mich wieder darauf einstellen. Schon morgen Abend werde ich die Osternacht feiern, zum Glück habe ich sie schon vorbereitet. Der Alltag wird mich wiederhaben, und ich hoffe, ich werde mir etwas Zeit und Ruhe gönnen können, um langsam wieder darin einzutauchen – und die Eindrücke dieser Reise zu einem wertvollen Teil davon zu machen.

Jetzt nur noch durch zwei lange Tunnels, dann bin ich schon fast zuhause.

Diario Bolognese – 12. Tag

Abschied

Ein letztes Mal Schule. Ich werde feierlich mit einer Urkunde verabschiedet. Auch wenn ich keine sehr engen Beziehungen zu den Anderen geknüpft habe, ist es doch ein komisches Gefühl, zu wissen, dass ich diese Menschen wohl niemals wiedersehen werde. Jede/r geht in sein/ihr eigenes Leben zurück, nach Australien, England, Russland oder Amerika; einige machen noch ein bis Wochen weiter, manche bleiben bis Semesterende an der Uni, die Thailänderin bleibt wohl für immer und wird noch einige Wochen lang die Schule besuchen.
Man verabschiedet sich herzlich mit Küsschen. Ein Amerikaner gibt mir noch einen Gruss an Roger Federer mit.

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Der Eingang zur Sprachschule

Zurück in der Wohnung ist der Abschied von Anna besonders herzlich, sie umarmt mich zweimal und hat Tränen in den Augen. Sie sagt, es gehe eben jedesmal ein Stück Leben verloren. So ist es.
Bevor ich später alleine das Haus verlasse, stelle ich ihr zu einer Dankeskarte noch einen Lindt-Goldhasen hin, „Cioccolata Svizzera“, den ich – natürlich – in Bologna gekauft habe.

Nun habe ich noch 2 Stunden Zeit, bis ich zum Bahnhof muss. Ich flaniere noch einmal durch die Strassen mit den typischen Arkadenbögen. Im Mittelalter war es offenbar Pflicht, beim Hausbau solche Arkaden einzubauen. Nachdem ich hier hin und wieder einen sintflutartigen Platzregen miterlebt habe, kann ich das gut nachvollziehen.

Ich atme noch ein letztes Mal Bologna. Dass Karfreitag ist, merke ich einzig daran, dass der Touristenstrom merklich zugenommen hat, man hört sogar manchmal jemand Deutsch sprechen. Ansonsten ist dies hier ein ganz normaler Arbeitstag.

Die Stadt ist mir inzwischen sehr vertraut geworden. Mir ist in diesen zwei Wochen bewusst geworden, wie wichtig der Faktor Zeit bei so einem Aufenthalt ist. Eine Woche wäre ganz klar zu kurz gewesen. Ich habe ein paar Tage gebraucht, bis ich einen richtigen Rhythmus gefunden und herausgefunden habe, wie diese Stadt tickt – und erst recht, um in die Sprache zu finden. Bei einem anderen Mal würde ich weniger knapp anreisen, um mich bereits etwas einzuleben, bevor die Schule anfängt. Und wenn ich das nächste Mal nach Bologna komme, kann ich mich bereits zurechtfinden.

Ich gehe noch kurz in die Wohnung zurück, um meinen Koffer zu holen, dann begebe ich mich zum Bahnhof.

Diario Bolognese – 11. Tag

Das Leiden in der Welt

Es ist mein letzter ganzer Tag in Bologna, morgen Nachmittag sitze ich bereits im Zug nach Hause. Zeit, um noch letzte Besichtigungen zu machen.

Ich besuche die Kirche Santa Maria della Vita. In ihr findet sich eine ausserordentlich interessante Gruppe von Terrakottafiguren: Eine Pietà, eine Beweinung Christi aus dem Jahr 1463.

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Aber anstatt der stillen Trauer, die sonst bei diesem Motiv zu sehen ist, drücken die Gesichter Klage und blankes Entsetzen aus. Maria Magdalena und die andere Maria werden ihrer Rolle als Klageweiber voll und ganz gerecht. Die Männer, offenbar Josef von Arimathäa und Nikodemus, blicken nur stumm und nachdenklich.

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Morgen ist Karfreitag. Der Tag, an dem man des Leidens Christi gedenkt, und, wie ich finde, auch des Leidens in der Welt gedenken sollte, vor allem der Opfer von Unrecht und Gewalt. Angesichts dessen, was alles an Schrecklichem in der Welt passiert – Kriege, Menschenrechtsverletzungen, die vielen Ertrinkenden im Mittelmeer und vieles mehr  – wäre entsetztes Aufschreien eigentlich häufiger angebracht anstatt des üblichen Schulterzuckens oder Wegschauens.

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Langsam verabschiede ich mich innerlich von Bologna. Weil ich am Abend noch etwas vorhabe, beginne ich bereits am Nachmittag zu packen. Dann spaziere ich noch etwas durch die Stadt und setze mich noch einmal auf die Piazza Maggiore. Wenn man sich bereits innerlich auf die Heimfahrt einstellt, ist man eigentlich nicht mehr so richtig da. Auf gepackten Koffern zu sitzen ist immer ein komisches Gefühl. Aber morgen habe ich nochmal Schule, so ganz lösen kann ich mich noch nicht. Und heute Abend steht noch ein besonderes Abenteuer an.

Ich gehe an ein Konzert des Cantautore Roberto Vecchioni. Ich kannte ihn vorher noch nicht, aber ich habe den Namen von einer Facebook-Freundin gehört, die so begeistert von ihm ist, dass sie kürzlich nur für ein Konzert von ihm aus Deutschland nach Bergamo gereist ist. Nun singt er in Bologna, und bei der Gelegenheit möchte ich ihn mir auch mal anhören.
Vecchioni ist in Italien ziemlich bekannt. Meine Vermieterin Anna sagt, er sei der Intelligenteste unter den italienischen Sängern, man nennt ihn auch „il Professore“, weil er früher mal Altphilologe war. Genau das Richtige für mich.

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Im Zusammenhang mit dem Konzert kann ich auch noch etwas Interessantes erfahren. Ich hatte mich immer wieder gefragt, was dieses Transparent von Amnesty International bedeuten soll, das an jedem Rathaus hängt, das ich auf dieser Reise gesehen habe:

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Nun weiss ich es. Giulio Regeni war ein italienischer Student, der in Ägypten über unabhängige Gewerkschaften forschte und Kontakt zu Oppositionellen hatte. Für die linke Zeitung „Il Manifesto“ schrieb er unter Pseudonym kritische Artikel über den ägyptischen Staatsschef al-Sisi. 2016 wurde er tot in einem Strassengraben bei Kairo gefunden, die Autopsie ergab, dass er zu Tode gefoltert wurde, offenbar von ägyptischen Sicherheitskräften. Ägypten bestreitet dies. Giulio Regeni wurde nur 28 Jahre alt. Seither sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und Ägypten angespannt.

Roberto Vecchioni singt über Giulio Regeni ein Lied, das klingt wie ein Schlaflied. Es beschreibt die Gefühle der Mutter, die die Nachricht vom Tode ihres Kindes nicht glauben will. “Ihr vertut euch, es muss sich um jemand anderen handeln, Giulio ist doch hier und schläft nebenan”. Am Ende des Liedes wischt sich der Sänger die Tränen aus den Augen. Ein berührender Moment.

Auch dieses Konzert ist für mich ein nachhaltiges kulturelles Erlebnis und gleichzeitig der krönende Abschluss meines Bologna-Aufenthaltes. Nebenbei habe ich einen weiteren Cantautore kennengelernt.

Diario Bolognese – 10. Tag

Modena – Kultur für die Seele

Der Alltag in der Schule ist für mich inzwischen Routine geworden. Ich getraue mich auch immer mehr zu sprechen.

Da Ferrara so ein Flop war, unternehme ich heute Nachmittag noch einen Ausflug nach Modena. Bereits auf dem Weg in die Altstadt werde ich von einem alten Bekannten begrüsst:

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Hier werde ich voll und ganz entschädigt: Die Stadt gefällt mir, und die wunderschöne Kathedrale fasziniert mich mit ihren vielen Details aussen und innen. (In der Kathedrale herrscht leider Fotografierverbot)

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Besonders die Bildhauerarbeiten des Wiligelmo aus dem 12. Jahrhundert sprechen mich an. Neben Reliefs, welche die Geschichte von Adam und Eva erzählen, schuf Wiligelmo auch Fabelwesen und einen Jahreszeitenzyklus. Gerade das Alter der Kunstwerke macht sie so ausdrucksstark.

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Die Erschaffung Adams und Evas
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Die Vertreibung aus dem Paradies
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Kain und Abel

Meine Gedanken kreisen heute auch um eine andere Kathedrale: Vor zwei Tagen ist Notre Dame halb abgebrannt.
Bereits haben Diskussionen begonnen, ob man wirklich so viel Geld für „ein paar Steine“ ausgeben soll, ob man Notre Dame überhaupt wieder aufbauen soll, davon profitiere ja nur die katholische Kirche etcetera.
Aber ich denke: Es geht hier gar nicht unbedingt um Religion. Es geht um Kultur. Ein altes, einzigartiges Kulturgut ist beschädigt worden. Es sollte wiederhergestellt und so für die Welt erhalten bleiben. Kultur hat ihren eigenen besonderen Wert, und auch kirchliche Kunst kann selbst nichtreligiöse Menschen ansprechen.

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2019-04-17 16.41.00 (2)Macht Kultur die Menschen besser? Nicht unbedingt. Kultur kann auch zu ideologischen Zwecken missbraucht werden.
Doch Kultur als eine kreative Auseinandersetzung mit den grossen Fragen des Menschseins entspricht einem tiefen Bedürfnis der Menschen. Das Streben nach dem Wahren, Schönen und Guten, der Ausdruck von Gedanken und Gefühlen mithilfe von Geschichten, Bildern, Musik und Darstellung ist im Menschen veranlagt und sollte gerade in dieser Zeit der Technisierung und des Werteverlustes wieder einen besonderen Stellenwert bekommen. Kunst und Kultur vermitteln Botschaften, die mit blossen Worten nicht ausgedrückt werden können. Sie treffen direkt in die Seele.


Gerade mit alter sakraler Kunst bekommen wir einen Zugang zum Denken, Glauben und Fühlen längst vergangener Generationen, zur Mystik einer früheren Epoche, die eine besondere Tiefe hat. Mich beeindruckt es, zu spüren, dass diese alten Kunstwerke über die Jahrhunderte hinweg mich tief im Innersten berühren und bei mir nachhaltige Eindrücke hinterlassen, die ich nicht in Worte zu fassen vermag.
Eine solche Kirche zu betreten, ihre Architektur und ihre Kunst auf mich wirken zu lassen, bedeutet für mich das Erleben einer intensiven Spiritualität, die noch lange nachwirkt.

Am Beispiel von Notre Dame sehen wir auch: Nichts ist für die Ewigkeit gemacht.

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Diario Bolognese – 9. Tag

San Luca

Im Italienischkurs haben wir auf heute die Aufgabe bekommen, über ein Buch oder einen Film mit Bezug zu Italien zu sprechen. Meine Wahl fiel spontan auf das Buch „Ich sollte der Nächste sein“ von Leoluca Orlando, dem Bürgermeister von Palermo. Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt, als ich es vor ein paar Monaten gelesen habe.*
Die Lehrerin ist sehr erstaunt darüber, dass mich dieser Mann so interessiert. Sie selber scheint ihn kaum zu kennen. Nachdem ich aber meinen kurzen Vortrag über seinen Kampf gegen die Mafia und den von ihm eingeleiteten „Primavera di Palermo“ gehalten habe, fragt sie nach dem italienischen Originaltitel des Buches, sie möchte es gerne selber lesen.

Da das Wetter endlich besser geworden ist, steht heute Nachmittag der Ausflug zu San Luca an.

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Die Kirche San Luca liegt auf einem Hügel über Bologna. Der Weg dort hinauf führt durch den längsten Arkadengang der Welt, der fast 4 km lang ist und durch (ausgerechnet!) 666 Bögen gesäumt ist. Es ist ein Wallfahrtsort, da sich in der Kirche eine Madonnen-Ikone aus Konstantinopel befindet, die angeblich schon eine Regenzeit beendet haben soll. Um die Ikone, die jedes Jahr in die Stadt hinuntergetragen wird, vor Regen zu schützen, wurde dieser Bogengang gebaut.

Auch heute noch scheint dieser Ort ein beliebter Pilgerort zu sein. Man sieht einige Leute mit schweren Rucksäcken, an denen seitlich der berühmte Pilgerbecher herabhängt, dort hinauflaufen. Andere joggen hinauf. Es gibt aber auch Leute, die es sich nicht einmal auf diesem Weg verkneifen können, lautstark zu telefonieren.
Da ich wegen meiner Erkältung nicht sicher bin, ob mir der Weg zu Fuss hinauf nicht zu mühsam ist, fahre ich mit dem Touristenbähnchen nach oben. Hier geniesse ich die Aussicht auf Bologna und auf Hügel, hinter denen, wie mir gesagt wird, bei klarem Wetter der Blick bis nach Modena und Florenz reichen soll.

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In der Kirche selber findet gerade eine Messe statt, so dass ich keinen Blick auf die Ikone werfen kann. Aber ich hatte mich ja vor allem darauf gefreut, dort oben an einem lauschigen Plätzchen gemütlich einen Tee zu trinken. Die „Cafeteria“ entpuppt sich jedoch als nicht sehr einladend.

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Daneben gibt es nur noch einen Laden mit Sakralobjekten. Kurz: Der Ort strahlt pilgerische Askese aus. Für Pilger darf das Leben offenbar nicht allzu genussvoll sein.
Mein persönlicher Pilgerweg durch den Arkadengang führt mich schliesslich nach unten in eine Bar in der Altstadt.


*siehe dazu meinen Blogbeitrag https://nicolesblog.net/2019/02/10/anmache-auf-palermitanisch/