Diario Bolognese – 11. Tag

Das Leiden in der Welt

Es ist mein letzter ganzer Tag in Bologna, morgen Nachmittag sitze ich bereits im Zug nach Hause. Zeit, um noch letzte Besichtigungen zu machen.

Ich besuche die Kirche Santa Maria della Vita. In ihr findet sich eine ausserordentlich interessante Gruppe von Terrakottafiguren: Eine Pietà, eine Beweinung Christi aus dem Jahr 1463.

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Aber anstatt der stillen Trauer, die sonst bei diesem Motiv zu sehen ist, drücken die Gesichter Klage und blankes Entsetzen aus. Maria Magdalena und die andere Maria werden ihrer Rolle als Klageweiber voll und ganz gerecht. Die Männer, offenbar Josef von Arimathäa und Nikodemus, blicken nur stumm und nachdenklich.

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Morgen ist Karfreitag. Der Tag, an dem man des Leidens Christi gedenkt, und, wie ich finde, auch des Leidens in der Welt gedenken sollte, vor allem der Opfer von Unrecht und Gewalt. Angesichts dessen, was alles an Schrecklichem in der Welt passiert – Kriege, Menschenrechtsverletzungen, die vielen Ertrinkenden im Mittelmeer und vieles mehr  – wäre entsetztes Aufschreien eigentlich häufiger angebracht anstatt des üblichen Schulterzuckens oder Wegschauens.

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Langsam verabschiede ich mich innerlich von Bologna. Weil ich am Abend noch etwas vorhabe, beginne ich bereits am Nachmittag zu packen. Dann spaziere ich noch etwas durch die Stadt und setze mich noch einmal auf die Piazza Maggiore. Wenn man sich bereits innerlich auf die Heimfahrt einstellt, ist man eigentlich nicht mehr so richtig da. Auf gepackten Koffern zu sitzen ist immer ein komisches Gefühl. Aber morgen habe ich nochmal Schule, so ganz lösen kann ich mich noch nicht. Und heute Abend steht noch ein besonderes Abenteuer an.

Ich gehe an ein Konzert des Cantautore Roberto Vecchioni. Ich kannte ihn vorher noch nicht, aber ich habe den Namen von einer Facebook-Freundin gehört, die so begeistert von ihm ist, dass sie kürzlich nur für ein Konzert von ihm aus Deutschland nach Bergamo gereist ist. Nun singt er in Bologna, und bei der Gelegenheit möchte ich ihn mir auch mal anhören.
Vecchioni ist in Italien ziemlich bekannt. Meine Vermieterin Anna sagt, er sei der Intelligenteste unter den italienischen Sängern, man nennt ihn auch „il Professore“, weil er früher mal Altphilologe war. Genau das Richtige für mich.

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Im Zusammenhang mit dem Konzert kann ich auch noch etwas Interessantes erfahren. Ich hatte mich immer wieder gefragt, was dieses Transparent von Amnesty International bedeuten soll, das an jedem Rathaus hängt, das ich auf dieser Reise gesehen habe:

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Nun weiss ich es. Giulio Regeni war ein italienischer Student, der in Ägypten über unabhängige Gewerkschaften forschte und Kontakt zu Oppositionellen hatte. Für die linke Zeitung „Il Manifesto“ schrieb er unter Pseudonym kritische Artikel über den ägyptischen Staatsschef al-Sisi. 2016 wurde er tot in einem Strassengraben bei Kairo gefunden, die Autopsie ergab, dass er zu Tode gefoltert wurde, offenbar von ägyptischen Sicherheitskräften. Ägypten bestreitet dies. Giulio Regeni wurde nur 28 Jahre alt. Seither sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und Ägypten angespannt.

Roberto Vecchioni singt über Giulio Regeni ein Lied, das klingt wie ein Schlaflied. Es beschreibt die Gefühle der Mutter, die die Nachricht vom Tode ihres Kindes nicht glauben will. “Ihr vertut euch, es muss sich um jemand anderen handeln, Giulio ist doch hier und schläft nebenan”. Am Ende des Liedes wischt sich der Sänger die Tränen aus den Augen. Ein berührender Moment.

Auch dieses Konzert ist für mich ein nachhaltiges kulturelles Erlebnis und gleichzeitig der krönende Abschluss meines Bologna-Aufenthaltes. Nebenbei habe ich einen weiteren Cantautore kennengelernt.

Diario Bolognese – 10. Tag

Modena – Kultur für die Seele

Der Alltag in der Schule ist für mich inzwischen Routine geworden. Ich getraue mich auch immer mehr zu sprechen.

Da Ferrara so ein Flop war, unternehme ich heute Nachmittag noch einen Ausflug nach Modena. Bereits auf dem Weg in die Altstadt werde ich von einem alten Bekannten begrüsst:

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Hier werde ich voll und ganz entschädigt: Die Stadt gefällt mir, und die wunderschöne Kathedrale fasziniert mich mit ihren vielen Details aussen und innen. (In der Kathedrale herrscht leider Fotografierverbot)

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Besonders die Bildhauerarbeiten des Wiligelmo aus dem 12. Jahrhundert sprechen mich an. Neben Reliefs, welche die Geschichte von Adam und Eva erzählen, schuf Wiligelmo auch Fabelwesen und einen Jahreszeitenzyklus. Gerade das Alter der Kunstwerke macht sie so ausdrucksstark.

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Die Erschaffung Adams und Evas
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Die Vertreibung aus dem Paradies
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Kain und Abel

Meine Gedanken kreisen heute auch um eine andere Kathedrale: Vor zwei Tagen ist Notre Dame halb abgebrannt.
Bereits haben Diskussionen begonnen, ob man wirklich so viel Geld für „ein paar Steine“ ausgeben soll, ob man Notre Dame überhaupt wieder aufbauen soll, davon profitiere ja nur die katholische Kirche etcetera.
Aber ich denke: Es geht hier gar nicht unbedingt um Religion. Es geht um Kultur. Ein altes, einzigartiges Kulturgut ist beschädigt worden. Es sollte wiederhergestellt und so für die Welt erhalten bleiben. Kultur hat ihren eigenen besonderen Wert, und auch kirchliche Kunst kann selbst nichtreligiöse Menschen ansprechen.

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2019-04-17 16.41.00 (2)Macht Kultur die Menschen besser? Nicht unbedingt. Kultur kann auch zu ideologischen Zwecken missbraucht werden.
Doch Kultur als eine kreative Auseinandersetzung mit den grossen Fragen des Menschseins entspricht einem tiefen Bedürfnis der Menschen. Das Streben nach dem Wahren, Schönen und Guten, der Ausdruck von Gedanken und Gefühlen mithilfe von Geschichten, Bildern, Musik und Darstellung ist im Menschen veranlagt und sollte gerade in dieser Zeit der Technisierung und des Werteverlustes wieder einen besonderen Stellenwert bekommen. Kunst und Kultur vermitteln Botschaften, die mit blossen Worten nicht ausgedrückt werden können. Sie treffen direkt in die Seele.


Gerade mit alter sakraler Kunst bekommen wir einen Zugang zum Denken, Glauben und Fühlen längst vergangener Generationen, zur Mystik einer früheren Epoche, die eine besondere Tiefe hat. Mich beeindruckt es, zu spüren, dass diese alten Kunstwerke über die Jahrhunderte hinweg mich tief im Innersten berühren und bei mir nachhaltige Eindrücke hinterlassen, die ich nicht in Worte zu fassen vermag.
Eine solche Kirche zu betreten, ihre Architektur und ihre Kunst auf mich wirken zu lassen, bedeutet für mich das Erleben einer intensiven Spiritualität, die noch lange nachwirkt.

Am Beispiel von Notre Dame sehen wir auch: Nichts ist für die Ewigkeit gemacht.

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Diario Bolognese – 9. Tag

San Luca

Im Italienischkurs haben wir auf heute die Aufgabe bekommen, über ein Buch oder einen Film mit Bezug zu Italien zu sprechen. Meine Wahl fiel spontan auf das Buch „Ich sollte der Nächste sein“ von Leoluca Orlando, dem Bürgermeister von Palermo. Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt, als ich es vor ein paar Monaten gelesen habe.*
Die Lehrerin ist sehr erstaunt darüber, dass mich dieser Mann so interessiert. Sie selber scheint ihn kaum zu kennen. Nachdem ich aber meinen kurzen Vortrag über seinen Kampf gegen die Mafia und den von ihm eingeleiteten „Primavera di Palermo“ gehalten habe, fragt sie nach dem italienischen Originaltitel des Buches, sie möchte es gerne selber lesen.

Da das Wetter endlich besser geworden ist, steht heute Nachmittag der Ausflug zu San Luca an.

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Die Kirche San Luca liegt auf einem Hügel über Bologna. Der Weg dort hinauf führt durch den längsten Arkadengang der Welt, der fast 4 km lang ist und durch (ausgerechnet!) 666 Bögen gesäumt ist. Es ist ein Wallfahrtsort, da sich in der Kirche eine Madonnen-Ikone aus Konstantinopel befindet, die angeblich schon eine Regenzeit beendet haben soll. Um die Ikone, die jedes Jahr in die Stadt hinuntergetragen wird, vor Regen zu schützen, wurde dieser Bogengang gebaut.

Auch heute noch scheint dieser Ort ein beliebter Pilgerort zu sein. Man sieht einige Leute mit schweren Rucksäcken, an denen seitlich der berühmte Pilgerbecher herabhängt, dort hinauflaufen. Andere joggen hinauf. Es gibt aber auch Leute, die es sich nicht einmal auf diesem Weg verkneifen können, lautstark zu telefonieren.
Da ich wegen meiner Erkältung nicht sicher bin, ob mir der Weg zu Fuss hinauf nicht zu mühsam ist, fahre ich mit dem Touristenbähnchen nach oben. Hier geniesse ich die Aussicht auf Bologna und auf Hügel, hinter denen, wie mir gesagt wird, bei klarem Wetter der Blick bis nach Modena und Florenz reichen soll.

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In der Kirche selber findet gerade eine Messe statt, so dass ich keinen Blick auf die Ikone werfen kann. Aber ich hatte mich ja vor allem darauf gefreut, dort oben an einem lauschigen Plätzchen gemütlich einen Tee zu trinken. Die „Cafeteria“ entpuppt sich jedoch als nicht sehr einladend.

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Daneben gibt es nur noch einen Laden mit Sakralobjekten. Kurz: Der Ort strahlt pilgerische Askese aus. Für Pilger darf das Leben offenbar nicht allzu genussvoll sein.
Mein persönlicher Pilgerweg durch den Arkadengang führt mich schliesslich nach unten in eine Bar in der Altstadt.


*siehe dazu meinen Blogbeitrag https://nicolesblog.net/2019/02/10/anmache-auf-palermitanisch/

Diario Bolognese – 8. Tag

Ins Zentrum

Die Seele geht zu Fuss, sagt man. Nach dem Wochenende habe ich das Gefühl, nun wirklich in Italien angekommen zu sein. Auch in die Sprache komme ich jetzt allmählich rein, und sogar das System der Buslinien in Bologna habe ich so langsam begriffen.

Die zweite Schulwoche hat begonnen. Die Gruppe ist kleiner geworden, zu fünft quetschen wir uns in einen kleinen Raum. Jetzt sitze ich auch nicht mehr zwischen zwei Russinnen, dafür unterhalte ich mich mehr mit der Thailänderin – gezwungenermassen auf Italienisch.
Wenn ich erzähle, dass ich aus der Schweiz komme, werde ich als Erstes gefragt, welche Sprache ich spreche. Das ist im Fall der vielsprachigen Schweiz ja eine berechtigte Frage. Dass es auch noch Rätoromanisch gibt, wissen nicht alle. Es gelingt mir auch nicht, ihnen auf Italienisch zu erklären, dass es sich nicht um Rumänisch handelt. Dafür ist das Erstaunen gross, als ich einigen meine Identitätskarte zeige, auf der alles in fünf Sprachen angeschrieben ist (ursprünglich waren nur vier Sprachen geplant gewesen, nach energischen Protesten aus Graubünden hatte man dann noch Romanisch dazu genommen).

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Am Nachmittag mache ich erst einmal eine ausgiebige Siesta – meiner Erkältung geschuldet – und gehe dann in die Stadt, um noch einiges zu besichtigen.

Wahrzeichen von Bologna sind die hohen Geschlechtertürme. Im Mittelalter sollen es über 100 davon gegeben haben. Der Torre degli Asinelli aus dem 12. Jahrhundert ist fast 100 Meter hoch, er wirkt so dünn, dass es erstaunlich ist, dass er noch nicht eingestürzt ist. Der Torre Garisenda daneben, nur 48 Meter hoch, ist hingegen mehr als schief. Seine Neigung beträgt zur Zeit 3,22 Meter. Momentan finden daran Bauarbeiten statt, wohl um sein Umfallen zu verhindern.
Früher hatten die Türme militärische Funktionen, sie wurden dann aber mehr und mehr zu Statussymbolen reicher Geschlechter. Das kennen wir doch irgendwoher.

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Dann begebe ich mich zur Kirche San Domenico, welche die Reliquien des Ordensgründers der Dominikaner beherbergt.

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Sie ist von aussen besonders gross und prächtig, aber in seiner barocken Ausstattung nicht ganz mein Fall. Doch meine Vermieterin Anna hatte mir verraten, dass in ihrem Inneren drei Skulpturen von Michelangelo stehen. Der kleine Engel hat es mir besonders angetan.

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Hinter der Kirche befindet sich ein Kreuzgang mit viel Grün. Andächtig gehe ich mehrmals den Weg ins Zentrum. Gleichzeitig zeigt sich zum ersten Mal seit Tagen wieder die Sonne. Ich geniesse den Moment der Ruhe inmitten der hektischen Stadt.

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Diario Bolognese – 7. Tag/2

 

L’ultimo volo – Flug Itavia 870

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Am Abend des 27. Juni 1980 stürzte ein Passagierflugzeug auf dem Weg von Bologna nach Palermo nördlich der italienischen Insel Ustica ins Tyrrhenische Meer. Alle 81 Insassen starben bei diesem Unglück, das in Italien als „Strage di Ustica“ bekannt wurde.
Zunächst wurde die Explosion einer Bombe an Bord vermutet, später wurde klar, dass das Flugzeug abgeschossen wurde.
Auch dieses Ereignis ist bis heute mysteriös geblieben. Auch hier kam es nachweislich zu Falschaussagen und der Zurückhaltung von Informationen durch staatliche Stellen.
Auf Wikipedia findet sich eine erschreckend lange Liste mit Namen von Angehörigen der italienischen Luftwaffe, die in den Folgejahren auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen sind, bevor sie zu dem Ereignis hätten Aussagen machen können. Darunter befinden sich auch die zwei italienischen Militärpiloten, die das verheerende Unglück an der Flugschau im deutschen Ramstein durch ihren Absturz ausgelöst haben. Sie hätten nur eine Woche später vor dem Untersuchungsausschuss aussagen sollen. Es besteht der Verdacht eines Sabotageaktes.
Heute vermutet man, dass die Maschine über Ustica in einen Angriff auf die Regierungsmaschine des damaligen libyschen Staatschefs Muammar al-Ghaddafi geraten war. Ghaddafi war offenbar vorher gewarnt und sein Flugzeug umgeleitet worden. Die Rakete aus einem französischen oder amerikanischen Kampfjet traf versehentlich die Passagiermaschine.

Dieses Ereignis beschäftigt mich, weil Pippo Pollina darüber ein Werk geschrieben hat, in dem diese Geschichte aus der Sicht des Flugzeuges erzählt wird. Ich besitze die CD mit dem Titel „L’ultimo volo“ und finde es etwas vom Besten, das Pippo Pollina je komponiert hat. 2020 soll es zum 40. Jahrestag des Unglückes wieder Aufführungen davon geben.

Nach der Freigabe des Flugzeugwracks und dem Transport nach Bologna wurde der französische Künstler Christian Boltanski mit einer Kunstinstallation beauftragt, die im „Museo per la Memoria di Ustica“ ausgestellt ist.

Die Besichtigung ist für mich sehr eindrücklich. In einer Halle wird das Flugzeug in seinen zusammengesetzten Trümmerteilen ausgestellt. An der Decke hängen 81 Glühlampen, für jede verstorbene Person eine, die in pulsierendem Rhythmus alle paar Sekunden langsam an- und ausgehen. An den Wänden hängen 81 schwarze Spiegel. Hinter jedem Spiegel befindet sich ein Lautsprecher, aus dem im Flüsterton Stimmen zu hören sind. Ein leises Stimmengewirr von 81 Menschen, nachgesprochen von Personen gleichen Alters und Geschlechtes wie die Opfer, erfüllt den Raum. Neben dem Flugzeug stehen neun schwarze Boxen, in ihrer Form an Särge erinnernd, in denen die gefundenen Gepäckutensilien aufbewahrt werden, respektvoll geschützt vor voyeuristischen Blicken.

Ich umrunde mehrmals die Installation und bin tief bewegt. Hier wurde in eindrücklicher Weise versucht, dem Andenken an den gewaltsamen Tod unschuldiger Menschen auf berührende Art Ausdruck zu verleihen. Wir können nur erahnen, welche Schicksale hinter diesem Ereignis stehen. Und als Lebende können wir nur in respektvoller Art und Weise versuchen, die Bedeutung und Tragweite für die Einzelnen annähernd nachzuvollziehen. Ich denke, rationale Worte allein werden dabei immer unzureichend bleiben. Die Kunst vermag auf andere Art, Erinnerungen, Betroffenheit und Gefühle auszudrücken, die versuchen, dem Geschehenen ansatzweise gerecht zu werden.

Da Foto- und Filmaufnahmen der Kunstinstallation nur für private Zwecke verwendet werden dürfen, gibt es hier nur ein Bild eines schwarzen Spiegels:

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„Canzone Sesta“, das Schlusslied des Werkes „L’ultimo volo“: https://www.youtube.com/watch?v=WxtzdkJzF7M

Link zu Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Itavia-Flug_870

Diario Bolognese – 7. Tag/1

Ferrara

Die zweite Destination meiner Wochenend-Planung ist Ferrara.
Mehrere Leute hatten mir vor den Ferien den Tipp gegeben, ich solle unbedingt einen Ausflug nach Ferrara machen, das sei ein besonders schönes Städtchen.
So steige ich also wieder in den Zug, es ist nur eine halbe Stunde Zugfahrt dorthin.
Doch dort angekommen erlebe ich eine Enttäuschung. Nach dem 20-minütigen Fussweg vom Bahnhof in die Altstadt muss ich feststellen: Duomo chiuso. Wegen Renovierung ist der prächtige Dom für mehrere Wochen geschlossen. Sogar die angeblich reich geschmückte Fassade ist zugehängt.

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Zudem ist es saukalt. Ferrara scheint schön zu sein, wenn man draussen herumflanieren und vor den zahlreichen Bars an den Strassen und Piazzen gemütlich sitzen kann, mit Strassenkünstlern an jeder Ecke. Aber an diesem ungemütlichen Tag bleibt mir als Einziges, schnell eine Bar zu suchen, in der man halbwegs gemütlich im Warmen sitzen kann. Als ich endlich eine gefunden habe, bestelle ich mir einen warmen Tee und auf meinen Frust hin noch ein „Dolce“ dazu.

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Später besichtige ich die Burg Castello Estense, die mich aber nicht sonderlich beeindruckt. Das jüdische Museum ist ebenfalls wegen Renovierung geschlossen. So bleibt nicht mehr viel, das mich interessieren würde. Auch das Kathedralen-Museum beherbergt nicht viel Spannendes. Das Einzige, das mir ins Auge sticht, ist ein Relief, das Eva als gestresste Hausfrau und Mutter zeigt: Kain und Abel belagern ihren Schoss, während dem sie am Spinnen ist.

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So bin ich bereits am Nachmittag wieder in Bologna zurück und habe noch Zeit, in ein ganz besonderes Museum zu gehen.

Diario Bolognese – 6. Tag

Ravenna

Heute, am Samstag, habe ich Zeit für einen Tagesausflug nach Ravenna. Ich wusste vorher nicht viel von dieser Stadt, ausser, dass sie bei anspruchsvollen Kunstreisen auf dem Programm steht. Ziemlich unvoreingenommen trete ich also die Reise an, am Abend vorher habe ich mir noch schnell die wichtigsten Fakten aus dem Reiseführer angelesen und mich entschieden, welche Orte ich besuchen möchte; ich konzentriere mich vor allem auf die UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten, von denen es dort gleich mehrere gibt.
Die Hafenstadt wurde im 5. Jahrhundert unter Kaiser Theoderich Hauptstadt Westroms. Aus dieser Zeit stammen die meisten noch gut erhaltenen Sakralbauten mit ihren wunderschönen byzantinisch beeinflussten Mosaiken. Die Kunstwerke sehen aus wie neu, gehören aber zu den ältesten Darstellungen christlicher Kunst überhaupt.

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Ravenna selber ist keine besonders schöne Stadt, umso mehr bin ich tief beeindruckt von den prächtigen Mosaiken, die ich im Innern der Kirchen zu sehen bekomme. Ich habe ja schon viel kirchliche Kunst gesehen, aber das hier ist wirklich etwas ganz Besonderes.

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Die Abrahamsgeschichte

Interessant finde ich vor allem, dass hier verschiedene frühchristliche Linien aufeinandertreffen. Das Christentum war ja zu Anfang keineswegs so einheitlich, wie es aus heutiger Sicht scheint. Verschiedene Theologien, Gottesbilder und Christusverständnisse existierten nebeneinander, zeitweise auch in friedlicher Koexistenz, wie das Beispiel Ravenna zeigt.
Am Hof Theoderichs herrschte das arianische Christentum. In dessen Lehre ist Jesus nicht wesensgleich mit Gott, sondern von Gott geschaffen und ihm unterstellt; er wird als Vermittler zwischen Gott und den Menschen gesehen, gilt also ausschliesslich als Mensch. Erst nachdem Kaiser Justinian in Ravenna die Macht übernommen hatte, wurde der katholische Glaube mit seiner Trinitätslehre verbindlich eingeführt.

In Ravenna sind noch heute Spuren des arianischen Glaubens sichtbar. Zum Beispiel die Darstellung der Taufe Jesu im Jordan im „Battisterio degli Ariani“ . Hier trägt Jesus wahrhaft menschliche Züge – am ganzen Körper.

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Ähnlich undogmatisch geht es auch auf einem Mosaik in der Kirche San Vitale zu und her: Die Kaiserin Theodora, die einst Tänzerin und Prostituierte gewesen sein soll, eröffnet eine Prozession mit dem Kelch, der für das Messopfer bestimmt ist. Frauenpriestertum? Kein Problem!

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Ein besonders schönes Mosaik schmückt das Tonnengewölbe des Mausoleums der Regentin Galla Placidia.

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Weil ich erkältet bin, kaufe ich mir ein Halstuch mit diesem Muster. Erst später fällt mir auf, dass es genau zu meinem Rucksack passt.

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Das Etikett „Made in China“ entferne ich ziemlich bald.

 

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Diario Bolognese – 5. Tag

Caro amico ti scrivo…

Die erste Woche ist um. Einige der SchülerInnen werden verabschiedet.
Ich bin froh, dass ich zwei Wochen gebucht habe. In nur einer Woche hätte ich fast nichts lernen können. Jetzt habe ich mich gerade erst akklimatisiert und beginne, in die Sprache hineinzufinden. Bislang ist mir das Sprechen eher schwergefallen.

Am Nachmittag gehe ich nochmal in die Altstadt und besichtige das antike Universitätsgebäude. Das Archiginnasio hat einen wunderschönen antiken Anatomiesaal. Die Wände sind mit Holz verkleidet, Statuen von Ärzten aus der Antike zieren den Saal. Am Katheter befinden sich zwei Holzskulpturen, an welchen die Erkenntnisse der anatomischen Studien sichtbar sind.2019-04-12 17.04.34

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In der Sela Stabat Mater sind lange Bücherregale mit alten Büchern der einzelnen Fakultäten zu finden. Die Wände sind mit den Familienwappen zahlreicher Professoren und Studenten aus der Geschichte der Universität verziert.
Diese uralte Universität, an der unter anderem Dante, Petrarca, Kopernicus sowie die erste Professorin Laura Bassi lehrten, ringt mir Respekt ab. Auch ich habe studiert und von den Forschungen und Erkenntnissen früherer Generationen profitiert. Und ich gehöre zu einer der ersten Generationen, in denen mir als Frau der Zugang zu diesem Wissen problemlos möglich war. Ich habe sehr gerne studiert. Noch heute ist es ein wichtiger Teil meines Lebens, mir immer wieder neues Wissen anzueignen, zu lesen und zu lernen.

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Wieder auf der Strasse, bewege ich mich in Richtung der Via D’Azeglio, für mich ist sie einfach die Lucio-Dalla-Gasse. Hier wurde der Text eines Liedes des 2012 verstorbenen Cantautore als Weihnachtsbeleuchtung aufgehängt und glücklicherweise bis jetzt hängen gelassen. Ich höre mir das Lied an, das ich natürlich nicht zufällig auf mein Handy geladen habe und wandere dazu durch die Gasse. Auch das Lucio-Dalla-Haus befindet sich hier. Leider ist die Besichtigung des Hauses über Monate im Voraus ausgebucht.

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Ich finde es schön, dass Bologna seinem berühmtesten Cantautore solche Ehre macht.

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Diario Bolognese – 4. Tag

Uniquartier

Der Sprachkurs ist anstrengend, aber auch interessant.
Ich sitze zwischen den zwei Russinnen, die sich zwischendurch auf Russisch unterhalten. Dem Lehrer gefällt das nicht, aber ich sage nur, wie schön, dann lerne ich gleich auch noch Russisch dazu. Mir bleibt meistens nichts anderes übrig, als mit den Leuten Italienisch zu reden.

Am Nachmittag erkunde ich noch einmal genauer die Altstadt.
Ich spaziere durch das Uniquartier. Die Universität Bologna, gegründet im Jahr 1088, ist die älteste Universität Europas. Heute findet man dort noch so richtige Uni-Atmosphäre, so wie bei uns in den 70er und 80er Jahren, mit antifaschistischen Sprüchen an den Wänden und teilwiese sehr kunstvollen Graffities.

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Auf einer Piazza hocken die Studierenden einfach auf dem Boden. Ich werde fast nostalgisch.

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Hier sehe ich auch zum ersten Mal einen Fahrradweg.

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Auf dem Rückweg verlaufe ich mich heillos in den verwinkelten Gassen. In einer trostlosen Bar trinke ich zwischendurch einen Tee und fühle mich tatsächlich etwas verloren. Ich frage mich, ob es wirklich so eine gute Idee war, alleine zu verreisen. Doch danach finde ich die Orientierung wieder und es macht mir wieder Spass, durch Bologna zu laufen.

Gegen Abend flüchte ich mich vor einem Regenschauer in eine kleine Bar, in der wunderschöne Musik von Ennio Morricone läuft. Ich esse ein Sandwich und bin mit mir, der Welt und Italien wieder versöhnt.

 

Diario Bolognese – 3. Tag

Zehn Uhr fünfundzwanzig

Am Nachmittag mache ich eine Stadtrundfahrt. Ich kann schön gemütlich im Bus sitzen und noch einen besseren Eindruck von Bologna bekommen. Mein Radius, in dem ich mich bisher bewegt habe, war ja eher klein. Die Fahrt führt auch über einen schönen Aussichtspunkt.

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Die Rundfahrt endet am Bahnhof. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich dort etwas umzusehen.

Von der Stadt Bologna hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben im Zusammenhang mit dem Terroranschlag auf den Bahnhof 1980.
Am 2. August detonierte im Wartesaal eine Bombe. 85 Menschen kamen dabei ums Leben, über 200 wurden verletzt. Während man zuerst meinte, die Brigate Rosse stünden hinter dem Anschlag, wurde irgendwann klar, dass rechtsradikale Gruppierungen dafür verantwortlich waren. Die Untersuchungen gestalteten sich schwierig. Später stellte sich heraus, dass der italienische Geheimdienst die Ermittlungen mit Absicht verhindert und die Polizei auf eine falsche Fährte geführt hatte. Schliesslich wurden zwei Personen für den Anschlag schuldig gesprochen und verbrachten über 25 Jahre im Gefängnis; sie beteuerten bis zum Schluss ihre Unschuld.
Ich habe den Eindruck, dass dieser Fall, wie so viele andere, nie vollständig aufgeklärt worden ist. Zuviel scheint vertuscht worden zu sein. Wer weiss, wer da in Wirklichkeit noch alles seine Finger im Spiel hatte…

Am Bahnhof suche ich nach Spuren des Anschlages. Ich möchte sehen, wie bis heute mit der Erinnerung an das schreckliche Ereignis umgegangen wird.
Die linke Bahnhofsuhr steht noch heute auf 10.25, der Uhrzeit, zu der der Anschlag passiert ist.

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Im neu erstellten Wartesaal wurde ein symbolischer Riss in die Wand eingebaut. Daneben, an dem Ort der Detonation befindet sich über einem Loch im Boden ein Gedenkort mit einer Tafel, auf der alle Namen der „Vittime del terrorismo fascista“ mit ihrem Alter aufgelistet sind. Es waren auch Kinder dabei.

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Die Anwesenheit an diesem Ort berührt und erschüttert mich. Ich empfinde grossen Respekt vor den Opfern. Gleichzeitig bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Ich werde niemals begreifen, wie Menschen eine so sinnlose Gewalt ausüben können und was sie meinen, damit zu bezwecken. Damals wie heute.

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Der Cantautore Emanuele Belloni hat darüber ein Lied gemacht mit dem Titel „10 e 25“: