„Herr, bleibe bei uns…“

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„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“

Dieses Lied war ein Teil meiner kirchlichen Sozialisation. Ich fand es immer ein bisschen bieder. Als Jugendliche strömte es für mich so eine Art „Kirchgemeindehaus-Mief“ aus. Man sang es am Ende des Bibelkreises. Man sang es in den Gemeindeferien nach dem Abendessen. Im pastoralen Stil stimmte es der Pfarrer an, und man versuchte es mehr schlecht als recht im Kanon zu singen.

Den Text fand ich ziemlich banal. Der „Herr“, also Gott im traditionell männlichen, personalen Gottesbild, wird darum gebeten, bei einem zu bleiben, weil es Abend wird. Gott, der Beschützer. Dieses Lied schien für mich aus einer Zeit zu stammen, in der man noch Angst vor der Nacht hatte, vor Räubern und wilden Tieren. Nun gut, dachte ich, für die Leute mit einem personalen Gottesbild mag das wohl ein tröstlicher Gedanke sein, dass Gott auch am Abend noch bei einem bleibt, wie immer man sich das auch vorstellen mag.

Erst später, im Theologiestudium, entdeckte ich, dass es sich bei diesem Text eigentlich um einen Bibelvers handelt. In Lukas 24, 29 sagen zwei Jünger diesen Satz zu einem Mann, ohne zu wissen, dass es sich um Jesus handelt. Sie sind gemeinsam unterwegs; der Fremde, der eigentlich Jesus ist, hat ihnen auf ihrer Wanderschaft die Sinnhaftigkeit des Todes Jesu erklärt. Nun, am Abend, wollen die Jünger ihn nicht gehen lassen. Vielleicht sagen sie diesen Satz aus Besorgnis um ihn, es war damals gefährlich, in der Dunkelheit alleine unterwegs zu sein. Mit dem Lied wird diesem Bibelvers also eigentlich eine falsche Bedeutung gegeben, so dachte ich in meiner rationalen Phase, denn die Jünger baten damit nicht um Gottes Beistand. Oder vielleicht doch unbewusst? Haben sie gespürt, dass der Mann ihnen gut tut? Hatte er für sie bereits eine göttliche Ausstrahlung, noch bevor sie ihn im gemeinsamen Brotbrechen als Christus erkannten? Ist das Zitat des Bibelverses in einem Abendlied vielleicht doch nicht ganz so falsch?

Kürzlich bin ich wieder wie fast von selber auf dieses Lied gestossen. Ich wollte einen musikalischen Abendgottesdienst vorbereiten und hatte zunächst nicht die leiseste Idee zu einem Thema. Dann dachte ich: Warum nicht einfach den Abend selber zum Thema machen und ein paar Abendlieder singen? Und wie von selber kam mir dieser Satz in den Sinn: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“

Er sollte den roten Faden durch diesen Gottesdienst darstellen; wie ein Geborgenheit spendender Schirm sollte dieser Satz als Motto über dieser Feier stehen.

In der Vorbereitung fragte ich mich, zu welcher Zeit dieses Lied eigentlich entstanden sein mochte. Ich dachte zuerst an die Zeit des Dreissigjährigen Krieges, so wie die Paul-Gerhard-Lieder. Oder an die Zeit des Pietismus. Aber stattdessen, so stellte ich fest, ist das Lied im Jahr 1935 geschrieben worden, von einem gewissen Albert Thate, einem Kirchenmusiker in Düsseldorf.

Mehr konnte ich nicht über die Entstehungsgeschichte des Liedes in Erfahrung bringen. Aber das Jahr 1935 und der Ort Deutschland liessen mich aufhorchen. Es war zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nazis, die Gesellschaft war zu grossen Teilen gleichgeschaltet, Krieg lag in der Luft, und viele Menschen spürten, wie es in ihrem Land immer finsterer und bedrohlicher wurde.

In diesem Kontext musste ein solches Lied noch eine andere Dimension bekommen. Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Für Christen war es in dieser Zeit wohl naheliegend, Gott um seinen Beistand zu bitten. Angesichts dieser historischen Situation kommt mir der Satz vor wie ein Hilferuf: „Gott, steh uns bei, denn es wird finster bei uns!“ Vor diesem Hintergrund bekommt das Lied einen subversiven, gesellschaftskritischen, ja widerständigen Charakter. Ich kann mir vorstellen, dass es mit solchen Hintergedanken geschrieben und auch gesungen wurde. Andererseits konnte man ganz unschuldig sagen: Es ist einfach die Vertonung eines Bibeltextes, ein harmloses Abendlied, völlig unpolitisch. Dieses Lied zu singen, war also damals nichts anderes als ein versteckter Akt des Widerstandes. Mit dieser Erkenntnis habe ich nun einen ganz neuen Zugang zu diesem Lied gefunden.

Inzwischen liebe ich dieses Lied in seiner schlichten Mystik, umso mehr, als ich entdeckt habe, dass es im Schweizer Gesangbuch auch auf Französisch und – oh Freude – auf Romanisch abgedruckt ist. Denn im Gegensatz zu meiner Zeit als Studentin ist mir heute klar, dass es nicht nur um das korrekte, rationale Erfassen eines Textes geht. Ebenso können wir uns auf einer ganz anderen Ebene von der Stimmung, die ein Vers ausstrahlt, inspirieren und berühren lassen.

Im Abendgottesdienst thematisierte ich den Entstehungskontext des Liedes. Daneben entfaltete ich auch den Gedanken, dass wir uns mit diesem Vers – als Lied oder als Gebet – auch in guten Zeiten jeden Abend wieder neu in die Liebe und Geborgenheit Gottes hineinbegeben können. Und dies konnte ich mit voller Überzeugung sagen.

Nach dem Gottesdienst sagte eine Frau zu mir, das habe ihr jetzt sehr gutgetan. Sie habe manchmal am Abend so dunkle Gedanken und depressive Zustände. Da sei es für sie ein  tröstlicher Gedanke, dass Gott sie auch in diesen Stunden nicht verlässt. Sie werde diesen Vers von nun an jeden Abend beten.

Das ist das Faszinierende an Bibelversen und vielen anderen Texten: Je nach Kontext und Situation derer, die sie hören und lesen, können sie je ihre eigene Wahrheit entfalten.

Wie sieht Ostern aus?

Mal ganz ehrlich: Was denken Sie als Erstes, wenn Sie das Wort Ostern hören? Welche Bilder und Assoziationen kommen Ihnen ganz spontan zu diesem Begriff in den Sinn?

Ich vermute, es sind die Ostereier. Mir ging es jedenfalls lange Zeit so. Das grosse O am Anfang dieses Wortes erinnert ja auch an ein Osterei. Vielleicht denkt man ja auch an Osterhasen, Osterdekorationen mit farbigen Frühlingsblumen, nach einem langen Winter sieht man grünes Gras und Osterglocken vor dem inneren Auge. Oder man denkt an einen österlichen Brunch mit leckeren Speisen und dem vergnüglichen Eiertütschen. Aber die wenigsten Menschen werden bei diesem Wort als Erstes an die Auferstehung Jesu denken.

Das ist auch verständlich. Denn das, was wir an Ostern eigentlich feiern, nämlich die Auferstehung Jesu von den Toten, kann man sich nicht so leicht bildlich vorstellen.

Mit Weihnachten ist es etwas anders: Zwar hat auch der Weihnachtsbaum mit der biblischen Weihnachtsgeschichte herzlich wenig zu tun, aber wenigstens gibt es die Weihnachtskrippe und Krippenspiele, welche diese Geschichte anschaulich machen. Die Weihnachtsgeschichte wird auch sonst auf vielerlei Art dargestellt und nacherzählt, so dass die meisten Menschen einen inneren Bezug herstellen können zwischen dem Fest und der biblischen Überlieferung, die dem zugrunde liegt.

Was hingegen Ostern betrifft, so ist zu befürchten, dass mit der Zeit immer weniger Menschen wissen, was da eigentlich gefeiert wird. Nein, es ist nicht ein Frühlingsfest. Nein, es geht hier nicht um die Ostereier und Osterhasen. Auch nicht um den Brauch des Eiertütschens und Brunchens, auch nicht darum, dass man da ein paar Tage frei hat, um nochmal auf die Skipiste zu gehen oder ins Tessin (und auch der Stau am Gotthard hat mit Ostern ursprünglich nichts zu tun). Alles das gehört zwar inzwischen auch dazu, ist aber nicht der eigentliche Sinn dieses Festes.

Das Problem ist, dass die Auferstehung Jesu nicht so leicht abzubilden ist wie die Krippenszene aus der Weihnachtsgeschichte.

Das liegt in der Natur der Sache. Auch in der Bibel wird die Auferstehung nicht direkt beschreiben, es gibt davon keine Augenzeugenberichte. Das einzige Zeugnis davon ist das leere Grab, das Maria von Magdala und „die andere Maria“ am frühen Morgen des dritten Tages nach der Kreuzigung entdecken. Auch in der Kunst gibt es wenige Bilder, welche die Auferstehung darzustellen versuchen.

Wie können wir nun Ostern mit der Auferstehung verbinden? Wie kann man die Bedeutung von Ostern sichtbar und erfahrbar machen?

Die kirchliche Tradition hat viele Bräuche und Rituale entwickelt, um mit Symbolen den Sinn des Osterfestes verständlich zu machen.

Sehr alt ist die Tradition der Nachtwache. Wegen der Entdeckung des leeren Grabes Jesu „früh am Morgen, als eben die Sonne aufging“ ist die Morgenröte im Christentum Symbol der Auferstehung. Die Canones Hippolyti  (um 350) gaben daher für die Osternacht die Weisung: „Alle sollen daher bis zur Morgenröte wachen, dann ihren Leib mit Wasser waschen, bevor sie Pascha feiern, und das ganze Volk sei im Lichte“.

Im 12. Jahrhundert leitete man den Begriff Ostern von Osten ab, der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs. Der Ort der aufgehenden Sonne galt als Symbol des auferstandenen und wiederkehrenden Jesus Christus. Viele neue Christen ließen sich damals bei Sonnenaufgang am Ostermorgen taufen.

Aus diesem Brauchtum haben sich die Osterfrühfeiern und die Osternachtsfeiern entwickelt, die heute auch bei uns Reformierten in vielen Kirchgemeinden gefeiert werden. Dabei wird auf dem Friedhof ein Osterfeuer entzündet als Symbol für die Auferstehung, für das Leben inmitten des Todes. In diesem Zusammenhang steht auch der Brauch der Osterkerze. Diese wird mit einer Flamme des Osterfeuers entzündet. So gelangt das Licht der Auferstehung in die Kirche. Die Osterkerze brennt dann in jedem Gottesdienst des Kirchenjahres. Bei Tauffeiern entzündet man an ihrer Flamme die Taufkerze, am Ewigkeitssonntag wird für jeden Verstorbenen eine Kerze daran angezündet, um die Hoffnung der Auferstehung zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Art wird die Präsenz des Auferstandenen bei allen gottesdienstlichen Anlässen sichtbar gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest, viel Freude am Eiertütschen – und vergessen Sie dabei nicht, was Ostern wirklich bedeutet.

Dieser Text erschien im April 2017 als Editorial in der Kirchenzeitung „Reformiert“.

Weihnachten im Pfarramtsbüro

SSchon wieder zündet sich Theo eine Zigarette an. Eigentlich hat er ja schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ein Pfarrer raucht schliesslich nicht, sonst wäre er ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Aber jetzt ist eine besondere Situation. Rauchen hilft ihm beim Nachdenken, und das hat er bitter nötig, jetzt am Heiligabend um 16 Uhr 30. Er hat noch kein Wort von der Predigt geschrieben, die er in wenigen Stunden an der Christnachtfeier halten soll – und schliesslich muss er vorher auch noch mit der Familie gemütlich Weihnachten feiern.

Ratlos sitzt er vor einem leeren Blatt Papier. Von Hand kann er besser Predigten schreiben, da kann er besser denken – eigentlich. Aber jetzt…? „Liebe Gemeinde! Wieder einmal feiern wir Weihnachten!“ Ach, so ein Quatsch, das wissen die Leute doch selber, denkt Theo, zerknüllt das Papier und wirft es in hohem Bogen hinter sich auf den Boden. Das tut gut, besser als am Computer die Delete-Taste zu drücken.

Was soll er nur predigen? Nun ist er schon seit 25 Jahren im Pfarramt, er hat seine 25. Weihnachtspredigt zu schreiben. Weihnachten ist doch immer das Gleiche, aber er muss jedes Jahr etwas Neues bringen. Nächster Versuch: „Liebe Gemeinde! Was bedeutet uns Weihnachten heute?“ – Nein, das ist doch auch immer wieder dasselbe. Das nächste Papierknäuel landet auf dem Boden. Schade, dass ich keinen Kamin habe, denkt Theo, das gäbe ein hübsches Feuerchen.

In Gedanken geht er noch einmal die verschiedenen Weihnachtspredigten seiner Pfarrerkarriere durch. Beim ersten Mal, als er gerade frisch vom Studium gekommen ist, hat er eine sorgfältige Exegese der biblischen Weihnachtsgeschichte erstellt – natürlich anhand des griechischen Urtextes – und eine Auslegung gemäss der Theologie Karl Barths in seine Predigt verpackt. Er hat dann im Gottesdienst in lauter ratlose Gesichter geblickt.

Im Jahr darauf wollte er der Gemeinde die politische Dimension der Weihnachtsgeschichte näherbringen. Er zeigte auf, dass Maria und Josef Flüchtlinge waren, die Hirten Angehörige der Unterschicht, Herodes und Kaiser Augustus grausame Despoten und die Heiligen drei Könige Ausländer. Mit gereckter Faust hat er von der Kanzel herab zum Kampf gegen den Kapitalismus aufgerufen, er hat vorgerechnet, wieviele Kinder weltweit pro Sekunde verhungern und hat die Menschen gemahnt, keine Weihnachtsgeschenke zu kaufen, sondern das Geld dafür an Hilfswerke zu spenden. Er hat sich dann fast geschämt, als später eine Frau zu ihm sagte, von ihrer Sozialhilfe könne sie ihren Kindern sowieso keine Geschenke kaufen, geschweige denn etwas spenden, und um für irgendetwas politisch zu kämpfen habe sie in ihrem Alltag gar keine Kraft.

In einem anderen Jahr liess er einen verdorrten Weihnachtsbaum in die Kirche stellen, um an die Umweltzerstörung zu mahnen, und um die Verbundenheit mit der Schöpfung zum Ausdruck zu bringen, liess er sogar einen echten Ochsen und einen echten Esel in die Kirche bringen. – Die Sigristin hat daraufhin fristlos gekündigt.

Ein anderes Mal hat er in der Predigt erklärt, dass die Jungfrauengeburt keinesfalls als biologisches Faktum, sondern nur als mythologische Botschaft zu verstehen sei, und dass sämtliche Vorstellungen von Himmel und Engeln sowieso nur Projektionen des Unbewussten seien. Das gab sogar Kirchenaustritte!

Seufzend starrt Theo auf sein leeres Blatt und zündet sich die nächste Zigarette an.

 *

Inzwischen sind die zerknüllten Papierkugeln auf dem Boden zu einem Haufen angewachsen. Theos Gedanken schweifen abermals ab. Ihm kommt sein Schulkollege Kurt in den Sinn, der überzeugte Atheist. Bei jedem Klassentreffen sagt er zu ihm: „Na, bist du immer noch Pfaffe und erzählst den Leuten auf der Kanzel irgendein Geschwätz?“ Vielleicht hat er Recht? Theo kaut an seinem Kugelschreiber. Was hat er nicht alles probiert, um an Heiligabend etwas Leben in die Kirche zu bringen! Er erinnert sich noch gut an das Jahr, als er mit farbig blinkenden Lichtern die Kirche in eine Art Disco verwandelt hat. Das hat gar nicht schlecht ausgesehen! Doch als die Band mit E-Gitarre und Schlagzeug „Ihr Kinderlein kommet“ anstimmte, wollte niemand so recht mitsingen.

Dann erinnert sich Theo an die Waldweihnacht, an der es in Strömen regnete, an den amerikanischen Gospelsänger, der immer wieder „Hallelujah, praise the Lord!“ in die Kirche rief, an den Kinderchor, von dem nur die Hälfte erschien und an seinen Auftritt als Entertainer, als er mit Weihnachtsmann-Mütze auf dem Kopf mit dem Mikrophon durch die Reihen ging und Witze erzählte. Man kann ihm sicher nicht vorwerfen, dass er all die Jahre keine Ideen gehabt hätte! Und doch war die Resonanz auf seine Einfälle eher dürftig, die Reaktionen verhalten; niemals konnte auch nur ein Funken wirklicher Begeisterung oder gar weihnachtliche Stimmung aufkommen. Was macht er nur falsch?

Theo hat sich gerade für seine nächste Zigarette ein Streichholz angezündet, als sein Blick auf eine Kerze fällt, die verstaubt in einer Ecke steht. Einem inneren Impuls folgend zündet er statt der Zigarette die Kerze an. Schon lange hat er keine Kerze mehr angezündet; seit die Kinder gross sind, haben sie auch keinen Adventskranz mehr. Sein Blick verliert sich in der Flamme. Erinnerungen tauchen auf, von ganz früher, aus seiner Kindheit.

*

Vorsichtig klopft Ruth an Theos Bürotür. Sie weiss, dass ihr Mann leicht unerträglich wird, wenn man ihn beim Predigtschreiben stört. Doch jetzt muss sie ihn fragen, ob er nun eigentlich fertig sei, die Bescherung fange gleich an.

Als Ruth eintritt, erschrickt sie. „Theo, was ist mir dir? Du siehst so komisch aus! Aber Theo, du weinst ja! Geht es dir nicht gut?“

Doch da zaubert sich auf Theos tränennasses Gesicht ein seltsames Strahlen. Mit verklärtem Blick sagt er zu seiner Frau: „Doch, Ruth, es geht mir wunderbar! Mir wurde gerade der Sinn von Weihnachten offenbart. Weisst du, Exegese, politische Botschaft, Projektionen des Unbewussten, Waldweihnacht, Disco, Entertainment – das können wir alles vergessen. An Weihnachten geht es um etwas ganz anderes!“

Da fällt Ruths Blick auf das voll beschriebene Blatt Papier. Sie beginnt zu lesen:

„Liebe Gemeinde! Vergessen Sie alles, was Sie schon über Weihnachten gehört oder gelesen haben. Lassen Sie sich einfach berühren von der Weihnachtsbotschaft. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns dadurch seine bedingungslose Liebe erwiesen. Lassen Sie also die Liebe Gottes mitten in Ihr Herz hineinleuchten. Spüren Sie, dass Gott die Menschen liebt, dass er auch Sie liebt, so wie Sie sind, ja Sie ganz persönlich! In den Lichtern des Weihnachtsbaumes kommt das Licht Gottes in Jesus Christus direkt zu uns, in unsere Welt und in unsere Herzen hinein. Lassen Sie dieses Licht leuchten, lassen Sie sich einladen in die Gnade und Güte, die uns in diesem Licht entgegen kommt. Und lassen Sie dieses Licht ausstrahlen, geben Sie es weiter an ihre Mitmenschen, an die Welt. Lasst uns heute ganz einfach Gottes Liebe feiern. Lassen wir uns tief berühren von der Macht, der Kraft und der Liebe, aus der die Welt entstanden ist. Lassen wir uns annehmen von dieser Macht und nehmen wir einander an. Ich wünsche Ihnen ganz einfach ein schönes, friedliches und gesegnetes Weihnachtsfest, voller Licht und voller Liebe. Amen.“

Diese Geschichte war meine Predigt in der Christnachtfeier 2013. Sie ist übrigens völlig frei erfunden. Allfällige Ähnlichkeiten mit realen Situationen oder Personen sind reiner Zufall!

Rezension zum Buch „Sonntagsarbeit“ von Christiane Müller

In „Sonntagsarbeit“ berichtet Christiane Müller über ihren Alltag als Pfarrerin. In meist kurzen Geschichten und Anekdoten lässt sie uns teilhaben an den Freuden und Leiden dieses Berufes. Mit viel Humor, einem ausgesprochenen Sprachwitz und einer guten Portion Selbstironie gibt sie uns Einblick in oftmals kuriose Situationen ihres Pfarramtsalltages: Die vielen Geburtstagsbesuche, die unbedingt erwartet werden, der Kirchenvorstand, der die neue Pfarrerin beim Begrüssungsapéro fast ignoriert, die Schulklasse, die ihr den letzten Nerv raubt. Oftmals kommt man beim Lesen ins Schmunzeln, manchmal möchte man den Kopf schütteln oder auch laut herauslachen. Ganz offen und ungeschminkt berichtet Christiane Müller auch von eigenen Fehlern und Peinlichkeiten, die ihr passiert sind. Bei aller Ernsthaftigkeit, die dem Pfarrerberuf zu eigen ist, bekommt man den Eindruck, dass vieles auch einen gewissen Humor verträgt. Oder dass sich manche Dinge überhaupt nur mit einer guten Prise Humor aushalten lassen. Dazu zitiert Christiane Müller eine Kollegin mit dem treffenden Satz: „Humor ist, wenn man trotzdem Christ bleibt“.

Doch neben all der Situationskomik versteht es die Autorin auch, leise, feinfühlige und nachdenkliche Töne anzuschlagen. Zum Beispiel wenn sie über ihr fast freundschaftliches Verhältnis zum Tod spricht. Oder von ihrer Zeit im Kloster, von ihrer Spiritualität und der Suche nach ihrer eigenen Berufung. Oder wenn sie uns an bewegenden und berührenden Lebensgeschichten ihrer Mitmenschen teilhaben lässt.

Beim Lesen wird deutlich, dass Christiane Müller ihren Beruf liebt und gleichzeitig an den Umständen ihrer Arbeit leidet: An Engstirnigkeit und Kleinkariertheit im kirchlichen Umfeld, an der übergrossen Arbeitsbelastung, an den Arbeitsbedingungen, die kaum Freizeit und Privatleben zulassen. So stimmt das Ende des Buches auch nachdenklich und fast ein bisschen traurig: Nach zwölf Jahren im Pfarramt mit zwei Stellenwechseln fühlte Christiane Müller sich „ausgelutscht“, bekam psychosomatische Beschwerden und beschloss, zumindest vorläufig aus dem Pfarramt auszusteigen. Sie ist nun für zwei Jahre beurlaubt, ihre berufliche Zukunft ist offen.

Insofern hat dieses Buch auch eine kirchenpolitische Dimension. Es stellt sich die Frage, wie lange die Kirche es sich noch leisten kann, solch motivierte, begabte und kompetente Leute durch unzeitgemässe Arbeitsbedingungen zu vergraulen.

„Sonntagsarbeit“ ist ein Buch für alle, die einmal einen Einblick hinter die Kulissen eines Pfarramtes werfen wollen sowie für Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich wohl in einigen der Erzählungen wiederfinden werden. Die gute Mischung aus geschliffener Sprache, Humor und Nachdenklichkeit machen die Stärke dieses Buches aus. Es ist wirklich ein Buch über „gelebtes Leben“, wie es im Klappentext heisst.

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Religiöse Kompetenz

Der Kanton Bern will sein Verhältnis zur Kirche „weiterentwickeln“. In Zukunft werden die Pfarrer und Pfarrerinnen nicht mehr Angestellte des Kantons, sondern der Landeskirchen sein. Der Kanton wird aber weiterhin die Entlöhnung der Geistlichen finanzieren, weil er aufgrund historischer Rechtstitel dazu verpflichtet ist. Dies ist die Schlussfolgerung des Regierungsrates aus einem von ihm in Auftrag gegebenen Bericht zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat.

Der Kanton will mit diesen Massnahmen seinen „finanziellen Handlungsspielraum erweitern“, was in Alltagssprache eigentlich nichts anderes heisst als: sparen. 

Ich denke, dies ist eine gesellschaftspolitische Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt und wohl auch nicht aufgehalten werden sollte. Was mich aber in dieser ganzen Diskussion sehr irritiert ist die Argumentation, wie sie auch von kirchlicher Seite verwendet wird. 

Im erwähnten Bericht wird unter anderem auch wertschätzend festgestellt, dass die Landeskirchen „zahlreiche gesellschaftlich relevante Dienstleistungen erbringen“, deren Wert die finanziellen Zuwendungen an die Kirchen übersteigen. In einem Säulendiagramm wird dieser Wert dargestellt und beziffert: die Säule mit der Summe der Leistungen aus entlöhnter, ehrenamtlicher und freiwilliger kirchlicher Arbeit ist um einiges höher als die Säule „Finanzierung“.

In diesem Zusammenhang steht auch das häufigste Argument, das in der politischen Diskussion immer wieder von kirchlicher Seite hervorgebracht wird: Dass die Kirche ja auch viel soziale Arbeit leiste, sie kümmere sich um Arme, Einsame und Schwache, veranstalte Seniorennachmittage und Jugendarbeit – also erbringe Leistungen, die der gesamten Gesellschaft zugute kommen. Das stimmt und ist wirklich ein wichtiges Argument. Nur, damit wird den Kirchengegnern bereits das Gegenargument in die Hand gespielt, nämlich: Das können andere auch! Auch andere wohltätige, karitative Vereine oder Organisationen können Seniorenausflüge und Jugendlager veranstalten und soziale Arbeit leisten. Dazu braucht die Gesellschaft ja nicht unbedingt eine religiöse Organisation. So kursiert bereits die Idee, man könne ja in Zukunft soziale Projekte ausschreiben, die Kirche könne sich dann darum bewerben und würde dann – vorausgesetzt, sie bekommt unter anderen Mitbewerbern den Zuschlag –  vom Staat dafür im Einzelnen bezahlt werden. Ich hoffe, dass es nie so weit kommen wird.

Das beste und wichtigste Argument, das meiner Ansicht nach aber für die Relevanz der Kirche in der Gesellschaft spricht, habe ich in der ganzen Diskussion noch kein einziges Mal gehört oder gelesen, auch nicht aus kirchlichen Kreisen. Dabei würde es doch auf der Hand liegen: Die Kirche ist im Besitz religiöser Kompetenz. Sie ist die Kraft in der Gesellschaft, die für die Themen Spiritualität und Transzendenz steht. Sie unterstützt die Menschen bei ihrem Suchen und Fragen nach dem „Anderen“, nach dem, das höher ist als das, was wir täglich erleben, was greifbar und auch be-greifbar ist. Kirche bleibt nicht beim irdisch Erlebbaren stehen, sondern thematisiert das „darüber hinaus“. Sie stützt sich dabei auf uralte Traditionen, auf Botschaften und Werte, die sich bewährt haben, sie bietet Inhalte und Rituale an, die vielen Menschen bei ihrer Lebensbewältigung helfen. Kirche hilft den Menschen, nach Sinn zu suchen, ihr Leben zu deuten und dabei auch Zweifel auszuhalten. Kirche begleitet Menschen bei ihren Lebensübergängen und allenfalls auch  –brüchen und ist besondere Expertin für die Lebensgrenzen, also Sterben, Tod und Trauer. Sie sucht Worte für das Unsagbare. Dort, wo Wirtschaft, Medizin und Sozialarbeit an ihre Grenzen stossen, steht die Kirche den Betroffenen bei.

Bei all diesen Aufgaben geht es um Religiosität und Spiritualität, um das „Rückgebundensein“ des Menschen. Darum, so behaupte ich, sind es eben auch zutiefst gesellschaftlich relevante Aufgaben. Denn jeder Mensch sucht nach Sinn, fast jeder Mensch hat mehr oder weniger spirituelle Bedürfnisse (ich behaupte: auch Atheisten, sie leben diese nur anders), und es kann der Gesellschaft nicht gleichgültig sein, wo und bei wem die Bevölkerung sich diese Bedürfnisse erfüllt. Der Staat braucht für diese anspruchsvollen Aufgaben vertrauenswürdige Partner, welche diese Arbeit auf einem hohem Niveau leisten können. Denn es ist nicht einerlei, ob sich ein Mensch in seiner Sinnsuche an einen Theologen wendet, an einen esoterischen Zirkel oder an eine radikal-fundamentalistische Gruppierung.

Noch ist es nicht so weit, dass der Staat sich aus religiösen Fragen völlig zurückzieht, aber es ist zu befürchten, dass die erste Scheibe der taktischen Salami angeschnitten ist.

Wenn sich die Kirche in dieser Diskussion nicht auf ihr ureigenstes Spezifikum und ihre besonderen Kompetenzen beruft und diese in selbstsicherer Art verteidigt, wird sie irgendwann ein ersetzbares Rädchen in der Maschinerie der Gesellschaft werden und ihre gesellschaftliche Relevanz immer mehr verlieren.

Die Zitate stammen aus der Präsentation des Berichts des Regierungsrates über das Verhältnis von Kirche und Staat im Kanton Bern anlässlich der Medienkonferenz vom 27.3.2015, siehe http://www.be.ch/portal/de/index/mediencenter/medienmitteilungen.assetref/dam/documents/portal/Medienmitteilungen/de/2015/03/2015-03-27-kirche-staat-referat-rr-neuhaus-mayer-de.pdf.

 Das erwähnte Säulendiagramm habe ich dem „Bund“ vom 28.3.15 entnommen.