Weihnachten im Pfarramtsbüro

Schon wieder zündet sich Theo eine Zigarette an. Eigentlich hat er ja schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ein Pfarrer raucht schliesslich nicht, sonst wäre er ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Aber jetzt ist eine besondere Situation. Rauchen hilft ihm beim Nachdenken, und das hat er bitter nötig, jetzt am Heiligabend um 16 Uhr 30. Er hat noch kein Wort von der Predigt geschrieben, die er in wenigen Stunden an der Christnachtfeier halten soll – und schliesslich muss er vorher auch noch mit der Familie gemütlich Weihnachten feiern.

Ratlos sitzt er vor einem leeren Blatt Papier. Von Hand kann er besser Predigten schreiben, da kann er besser denken – eigentlich. Aber jetzt…? „Liebe Gemeinde! Wieder einmal feiern wir Weihnachten!“ Ach, so ein Quatsch, das wissen die Leute doch selber, denkt Theo, zerknüllt das Papier und wirft es in hohem Bogen hinter sich auf den Boden. Das tut gut, besser als am Computer die Delete-Taste zu drücken.

Was soll er nur predigen? Nun ist er schon seit 25 Jahren im Pfarramt, er hat seine 25. Weihnachtspredigt zu schreiben. Weihnachten ist doch immer das Gleiche, aber er muss jedes Jahr etwas Neues bringen. Nächster Versuch: „Liebe Gemeinde! Was bedeutet uns Weihnachten heute?“ – Nein, das ist doch auch immer wieder dasselbe. Das nächste Papierknäuel landet auf dem Boden. Schade, dass ich keinen Kamin habe, denkt Theo, das gäbe ein hübsches Feuerchen.

In Gedanken geht er noch einmal die verschiedenen Weihnachtspredigten seiner Pfarrerkarriere durch. Beim ersten Mal, als er gerade frisch vom Studium gekommen ist, hat er eine sorgfältige Exegese der biblischen Weihnachtsgeschichte erstellt – natürlich anhand des griechischen Urtextes – und eine Auslegung gemäss der Theologie Karl Barths in seine Predigt verpackt. Er hat dann im Gottesdienst in lauter ratlose Gesichter geblickt.

Im Jahr darauf wollte er der Gemeinde die politische Dimension der Weihnachtsgeschichte näherbringen. Er zeigte auf, dass Maria und Josef Flüchtlinge waren, die Hirten Angehörige der Unterschicht, Herodes und Kaiser Augustus grausame Despoten und die Heiligen drei Könige Ausländer. Mit gereckter Faust hat er von der Kanzel herab zum Kampf gegen den Kapitalismus aufgerufen, er hat vorgerechnet, wieviele Kinder weltweit pro Sekunde verhungern und hat die Menschen gemahnt, keine Weihnachtsgeschenke zu kaufen, sondern das Geld dafür an Hilfswerke zu spenden. Er hat sich dann fast geschämt, als später eine Frau zu ihm sagte, von ihrer Sozialhilfe könne sie ihren Kindern sowieso keine Geschenke kaufen, geschweige denn etwas spenden, und um für irgendetwas politisch zu kämpfen habe sie in ihrem Alltag gar keine Kraft.

In einem anderen Jahr liess er einen verdorrten Weihnachtsbaum in die Kirche stellen, um an die Umweltzerstörung zu mahnen, und um die Verbundenheit mit der Schöpfung zum Ausdruck zu bringen, liess er sogar einen echten Ochsen und einen echten Esel in die Kirche bringen. – Die Sigristin hat daraufhin fristlos gekündigt.

Ein anderes Mal hat er in der Predigt erklärt, dass die Jungfrauengeburt keinesfalls als biologisches Faktum, sondern nur als mythologische Botschaft zu verstehen sei, und dass sämtliche Vorstellungen von Himmel und Engeln sowieso nur Projektionen des Unbewussten seien. Das gab sogar Kirchenaustritte!

Seufzend starrt Theo auf sein leeres Blatt und zündet sich die nächste Zigarette an.

 *

Inzwischen sind die zerknüllten Papierkugeln auf dem Boden zu einem Haufen angewachsen. Theos Gedanken schweifen abermals ab. Ihm kommt sein Schulkollege Kurt in den Sinn, der überzeugte Atheist. Bei jedem Klassentreffen sagt er zu ihm: „Na, bist du immer noch Pfaffe und erzählst den Leuten auf der Kanzel irgendein Geschwätz?“ Vielleicht hat er Recht? Theo kaut an seinem Kugelschreiber. Was hat er nicht alles probiert, um an Heiligabend etwas Leben in die Kirche zu bringen! Er erinnert sich noch gut an das Jahr, als er mit farbig blinkenden Lichtern die Kirche in eine Art Disco verwandelt hat. Das hat gar nicht schlecht ausgesehen! Doch als die Band mit E-Gitarre und Schlagzeug „Ihr Kinderlein kommet“ anstimmte, wollte niemand so recht mitsingen.

Dann erinnert sich Theo an die Waldweihnacht, an der es in Strömen regnete, an den amerikanischen Gospelsänger, der immer wieder „Hallelujah, praise the Lord!“ in die Kirche rief, an den Kinderchor, von dem nur die Hälfte erschien und an seinen Auftritt als Entertainer, als er mit Weihnachtsmann-Mütze auf dem Kopf mit dem Mikrophon durch die Reihen ging und Witze erzählte. Man kann ihm sicher nicht vorwerfen, dass er all die Jahre keine Ideen gehabt hätte! Und doch war die Resonanz auf seine Einfälle eher dürftig, die Reaktionen verhalten; niemals konnte auch nur ein Funken wirklicher Begeisterung oder gar weihnachtliche Stimmung aufkommen. Was macht er nur falsch?

Theo hat sich gerade für seine nächste Zigarette ein Streichholz angezündet, als sein Blick auf eine Kerze fällt, die verstaubt in einer Ecke steht. Einem inneren Impuls folgend zündet er statt der Zigarette die Kerze an. Schon lange hat er keine Kerze mehr angezündet; seit die Kinder gross sind, haben sie auch keinen Adventskranz mehr. Sein Blick verliert sich in der Flamme. Erinnerungen tauchen auf, von ganz früher, aus seiner Kindheit.

*

Vorsichtig klopft Ruth an Theos Bürotür. Sie weiss, dass ihr Mann leicht unerträglich wird, wenn man ihn beim Predigtschreiben stört. Doch jetzt muss sie ihn fragen, ob er nun eigentlich fertig sei, die Bescherung fange gleich an.

Als Ruth eintritt, erschrickt sie. „Theo, was ist mir dir? Du siehst so komisch aus! Aber Theo, du weinst ja! Geht es dir nicht gut?“

Doch da zaubert sich auf Theos tränennasses Gesicht ein seltsames Strahlen. Mit verklärtem Blick sagt er zu seiner Frau: „Doch, Ruth, es geht mir wunderbar! Mir wurde gerade der Sinn von Weihnachten offenbart. Weisst du, Exegese, politische Botschaft, Projektionen des Unbewussten, Waldweihnacht, Disco, Entertainment – das können wir alles vergessen. An Weihnachten geht es um etwas ganz anderes!“

Da fällt Ruths Blick auf das voll beschriebene Blatt Papier. Sie beginnt zu lesen:

„Liebe Gemeinde! Vergessen Sie alles, was Sie schon über Weihnachten gehört oder gelesen haben. Lassen Sie sich einfach berühren von der Weihnachtsbotschaft. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns dadurch seine bedingungslose Liebe erwiesen. Lassen Sie also die Liebe Gottes mitten in Ihr Herz hineinleuchten. Spüren Sie, dass Gott die Menschen liebt, dass er auch Sie liebt, so wie Sie sind, ja Sie ganz persönlich! In den Lichtern des Weihnachtsbaumes kommt das Licht Gottes in Jesus Christus direkt zu uns, in unsere Welt und in unsere Herzen hinein. Lassen Sie dieses Licht leuchten, lassen Sie sich einladen in die Gnade und Güte, die uns in diesem Licht entgegen kommt. Und lassen Sie dieses Licht ausstrahlen, geben Sie es weiter an ihre Mitmenschen, an die Welt. Lasst uns heute ganz einfach Gottes Liebe feiern. Lassen wir uns tief berühren von der Macht, der Kraft und der Liebe, aus der die Welt entstanden ist. Lassen wir uns annehmen von dieser Macht und nehmen wir einander an. Ich wünsche Ihnen ganz einfach ein schönes, friedliches und gesegnetes Weihnachtsfest, voller Licht und voller Liebe. Amen.“

Diese Geschichte war meine Predigt in der Christnachtfeier 2013 in der Kirche Uetendorf. Sie ist übrigens völlig frei erfunden. Allfällige Ähnlichkeiten mit realen Situationen oder Personen sind reiner Zufall!

Sonnenfinsternis

Es ist der Morgen des 20. März 2015. Kein gewöhnlicher Tag. Heute ist Sonnenfinsternis.

Ich habe es versäumt, mich um eine Schutzbrille zu bemühen. Ich habe gedacht, ich hätte noch eine von 1999, aber ich habe sie zuhause nicht mehr gefunden. So eine Sonnenfinsternis gibt es ja nicht alle Tage. Es ist schon irgendwie etwas Spezielles. Und man weiss ja nie, ob man die nächste noch erleben wird. Eine totale Sonnenfinsternis müsste etwas Tolles sein. Leute, die das schon erlebt haben, berichten, es sei ein absolut eindrückliches Erlebnis. Ein riesiges schwarzes Auge starre einen an. Das haut einen total um, auch wenn man es naturwissenschaftlich erklären kann. Spitzbergen wäre jetzt wirklich ein sehr imposantes Erlebnis gewesen, allein schon wegen der Landschaft dort. Aber leider fehlt mir sowohl die Zeit als auch das Kleingeld, um eine solche Reise zu unternehmen.

So überlege ich mir, wie ich diesen Vormittag sinnvollerweise verbringen könnte. Den ersten Termin habe ich erst gegen 11 Uhr. Hätte ich eine Schutzbrille gehabt, wäre ich wahrscheinlich Zuhause geblieben , hätte diverse Büroarbeiten gemacht und dabei die Sonnenfinsternis mitverfolgt. Nun könnte ich den Stand des Mondes vor der Sonne wenigstens im Livestream anschauen. Aber ich habe keine Lust zu Büroarbeiten, dann habe ich das Gefühl, den Vormittag doch irgendwie vertrödelt zu haben. Ich entscheide, etwas wirklich Sinnvolles zu tun und ins nahegelegene Altersheim zu gehen, um dort ein paar Leute zu besuchen. Ich bin sowieso mit meinen Seelsorgebesuchen im Rückstand, die Leute warten schon lange auf mich.

Ich besuche insgesamt vier Personen, die alle über meinen Besuch sehr erfreut sind. Ich lasse sie erzählen, wie es ihnen geht. Eine Frau ist schwer sehbehindert geworden und doch dankbar für alles, was sie noch machen kann. Mit Hilfe eines Gerätes kann sie noch lesen. Die über 90-Jährige sagt, die Zeitung interessiere sie immer weniger, dafür lese sie jetzt umso mehr in der Bibel. Dann besuche ich einen Mann, dessen Frau ich schon beerdigt habe. Er ist bettlägerig und kann nur noch undeutlich sprechen. Trotzdem teilt er seine Gedanken mit mir, z.B. über die Frage, warum Gott Kriege zulässt. Allen, die ich besuche, lese ich aus der Bibel vor. Heute habe ich kurze Passagen aus verschiedenen Psalmen ausgewählt. So heisst es z.B. im Psalm 36: Denn bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Am Schluss bete ich mit ihnen noch das Unservater. Ein Gebet, das alle mitsprechen können und das immer passend ist.

Zwischen den Besuchen blicke ich aus dem Fenster und merke, wie sich das Licht draussen langsam verändert. Um halb Elf trete ich nach draussen, um mit dem Fahrrad zu meinem nächsten Termin zu fahren. Das Licht taucht die Umgebung in eine fast magische Stimmung, es ist kühler und die Schatten sind weich. Das erinnert mich an 1999, als ich diese Stimmung in den Engadiner Bergen erleben durfte, mein Sohn war damals ein paar Monate alt. Heute kann er das Schauspiel am Gymnasium mitverfolgen.

Auch wenn ich nicht in die Sonne schauen kann, fühle ich mich auf eine besondere Weise berührt und erfüllt. Während ich durch die Strassen fahre, freue ich mich, diesen besonderen Moment doch irgendwie erleben zu dürfen. Und ich bin auch froh, diesen Morgen auf eine sinnvolle Art verbracht zu haben – sinnvoll und bereichernd für mich und wohl auch für andere.