Von weissen und schwarzen Schafen

Jetzt ist es wieder zu sehen, überall im Schweizerlande, auf Plakatwänden, in Zeitungsinseraten, auf bestimmten Internetseiten, und natürlich prangt es auch auf der Titelseite des „Extra-Blattes“, das die „Schweizerische Volkspartei“ in millionenfacher Auflage in alle Haushalte verschicken liess: Die Rede ist vom Schäfli-Plakat.

Bereits vor einigen Jahren hat diese Partei mit ebendiesem Sujet für ihre „Ausschaffungsinitiative“ geworben – und zwar erfolgreich. Die „Volksinitiative für die Ausschaffung krimineller Ausländer“ wurde im Jahr 2010 von 53% der Stimmenden angenommen. Doch bevor das dazu ausgearbeitete Gesetz in Kraft treten kann, setzt die SVP noch einen drauf: Mit der Behauptung, ihr Anliegen sei „verwässert“ worden, lassen sie nun die sogenannte „Durchsetzunginitiative“ folgen, die das Gesetz bereits verschärfen soll. Es sollen keine Härtefälle geltend gemacht werden können, auch Personen, die in der Schweiz aufgewachsen, verwurzelt und gut integriert sind, sollen automatisch „ohne Wenn und Aber“ selbst bei Bagatelldelikten des Landes verwiesen werden, ohne dass ein Richter die Verhältnismässigkeit dieser Massnahme im Einzelfall überprüfen könnte. Am 28. Februar wird über diese Initiative abgestimmt. Umfragen zufolge hat sie guten Chancen, angenommen zu werden.

Dass diese Idee der Rechtsstaatlichkeit, den Menschenrechten sowie grundlegenden Werten widerspricht liegt auf der Hand. Ich möchte hier nicht die vielen stichhaltigen Gegenargumente wiederholen, die von Politikern, Juristen und diversen Organisationen ins Feld geführt werden, sondern auf einen ganz bestimmten Aspekt dieses Themas aufmerksam machen, nämlich auf das besagte „Schäfli-Plakat“.

ausschaffungsinitiative

Drei weisse Schafe befinden sich auf einem roten Feld mit Schweizer Kreuz, eines davon kickt mit einem Huftritt ein schwarzes Schaf aus diesem Feld hinaus.

Die rassistischen Implikationen des schwarzen Schafes liegen auf der Hand. Dazu kommt die Tatsache, dass dieses Bild ganz klar Gewalt zum Ausdruck bringt. Alles Andersartige, Fremde, nicht Konforme soll aus unserem Land „hinausgekickt“ werden. Gemeint sind damit Menschen.

Dieses Bild entlarvt, von welcher Gesinnung das Anliegen dahinter ist. Es enthüllt den zutiefst menschenverachtenden und fremdenfeindlichen Charakter der Initiative. Und der Schriftzug „Für eine sichere Schweiz“ suggeriert, man könne das Land sicher machen, indem man alles Störende und Unpassende aus seiner Mitte entfernt, als könne man auf diese Art so etwas wie einen gesunden Volkskörper schaffen, in dem alles Böse ausgerottet wäre.

Es ist der Geist hinter diesem Plakat, der mich zutiefst beunruhigt. Die Schäfli-Symbolik lässt vergessen, dass es hier um Menschen geht, die eine Würde haben, ungeachtet ihrer Nationalität oder auch ihrer Taten. Und Menschenwürde wird nicht erst durch physische Gewalt verletzt, sondern eben auch bereits durch Worte, Gedanken oder Bilder.

Das hat auch Jesus erkannt. In seiner Bergpredigt sagt er: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Matthäus 5, 21-22, Luther-Übersetzung).

Was Jesus mit diesen überspitzten Formulierungen sagen will: Nicht erst eine ausgeführte Tat ist verwerflich, sondern schon die entsprechende Einstellung. Die hasserfüllten Gedanken. Die menschenverachtenden Phantasien. Die Abwertung und Ausgrenzung von ganzen Menschengruppen. Und sei es auch nur durch Bilder, Metaphern und Worte. Denn damit fängt alles an, was später in Unrecht und realer Gewalt münden kann. So harmlos das Schäfli-Plakat auch aussehen mag: Es bedient mit seiner Symbolik Aggressionen und unterbewusste Gewaltphantasien. Huftritte tun weh. Mit solchen Darstellungen wird in der Bevölkerung Stimmung gemacht. Der Weg von so einem Plakat bis zu einem brennendem Asylantenheim ist dann gar nicht mehr so weit wie man meinen könnte.

Natürlich, die Bevölkerung hat Angst vor Kriminalität. Aber es ist vor allem auch die Angst vor dem Andersartigen. Diese Ängste werden hier bewusst geschürt.

Auch ich habe Angst. Und zwar davor, dass das Land, in dem ich gerne lebe, ein immer unmenschlicheres Gesicht bekommt, immer unbarmherziger, gnadenloser und kälter wird, in dem das „Ohne Wenn und Aber“ über die Achtung der Menschenwürde dominiert. Ich habe Angst davor, dass der Geist, der hinter dem Schäfli-Plakat steht, sich immer mehr durchsetzt.

Setzen wir diesem Geist ein anderes Denken, Fühlen und Handeln entgegen, bevor es zu spät ist.

Nachtrag 1:

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Nachtrag 2:

In Thun haben bei einer Kontrolle zwei Asylbewerber Polizisten angegriffen. Sie konnten von der Polizei überwältigt werden. Dieser Angriff ist selbstverständlich durch nichts zu rechtfertigen. Ebenso wenig aber auch  das Verhalten einiger Passanten. Hier ein Augenzeugenbericht aus dem „Thuner Tagblatt“ vom 11.02.16:

„Um die Szene habe sich rasch eine Menschenmenge gebildet. «Das war regelrecht ein Mob, der teils rassistische Zwischenrufe von sich gab», so P.S.. Eine Person habe die Situation ausgenutzt und dem bereits überwältigten Mann zwei Tritte verpasst. Er und die Polizisten hätten gar keine Möglichkeit gehabt zu reagieren, sagt der Augenzeuge.“

Hier hat wohl jemand das Schäfli-Plakat allzu wörtlich genommen…