Wasser-Wege

Ich liebe das Wasser. Jetzt im Hochsommer nutze ich jede Gelegenheit, um möglichst oft irgendwo zu baden. Da ich in einer Gegend wohne, in der es viel Wasser gibt, habe ich glücklicherweise viele Möglichkeiten dazu: Wahlweise im See, im Fluss oder auch in der dorfeigenen „Badi“.

Genauso sehr wie den Aufenthalt im und am Wasser geniesse ich auch die Fahrt mit dem Fahrrad an den See und zurück. So habe ich zweierlei Bewegung und dazu auch noch ein schönes Landschaftserlebnis.

Erst neulich ist mir aufgefallen, warum ich diesen Weg ans Wasser so liebe. Weil er nämlich nicht nur zum Wasser hinführt, sondern fast den ganzen Weg am Wasser entlang: Am See, am Fluss und an diversen kleineren Bächen.

Ich habe mal den Weg vom See nach Hause mit dem Handy dokumentiert.

Weil ich zwar an einem schönen Ort wohne, aber leider nicht direkt am Wasser, gibt es am Schluss ein paar Bilder von Feldwegen.

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Der tiefere Sinn dieses Blogs? Vielleicht gibt es keinen. Aber es ist einfach schön.

Wie durch einen Spiegel

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In Zürich wird der Zug voll. Ich beschliesse, mir ein 1.-Klasse-Billett zu leisten und wechsle den Waggon. Hier, in einem bequemen Sessel, mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren, kann ich in Ruhe die Landschaft an mir vorbeiziehen lassen und meinen Gedanken nachhängen.

Es ist der 8. August 2012. Ich bin auf dem Heimweg von einer Beerdigung. Ausnahmsweise einmal eine, die ich nicht selber gehalten habe. Ich war dabei als „Trauergast“ oder wie man das nennt. Ein Kollege aus meiner Coaching-Ausbildung wurde beerdigt. Zu Anfang des letzten Ausbildungsjahres hatte er uns überraschend mitgeteilt, dass er eine vernichtende Krebsdiagnose erhalten habe und daher die Ausbildung abbrechen müsse. Er kam dann noch in unser nächstes Seminar, um sich zu verabschieden. Mit viel Galgenhumor erzählte er uns von seiner Situation, es wurde viel gelacht. Doch in seinen Augen konnte ich die Angst sehen. Nur wenige Monate später kam dann die Todesanzeige.

Zwei Jahre lang war ich mit ihm zusammen in einer Arbeitsgruppe gewesen. Wir waren gemeinsam auf dem Weg durch unsere Ausbildung, haben viel zusammen gearbeitet, diskutiert, gelacht, uns einander unterstützt, nach Erkenntnissen gesucht, manchmal auch miteinander gerungen. Jetzt ist er tot.

Die Pfarrerin hatte ein gutes Gespür, obwohl sie den Verstorbenen nicht gekannt hat. Sie hat für ihre Ansprache intuitiv den Bibeltext ausgewählt, den ich an ihrer Stelle auch für meinen Kollegen ausgesucht hätte:

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Korinther 13, 8 – 13)

Ja, so ist es, alles Erkennen ist unvollkommen. Wir sehen wie durch einen Spiegel. Man muss dabei wissen, dass in damaliger Zeit die Spiegel nicht so klare Bilder zurückwarfen wie heute. Vielleicht ist auch der Wasserspiegel damit gemeint.

Der Zug rollt weiter durch die hochsommerliche Landschaft. Ich frage mich, was mein Kollege, sofern er wirklich etwas sehen kann, jetzt wohl sieht, „von Angesicht zu Angesicht“. Ich würde es ihm jedenfalls gönnen. Er war irgendwie auf der Suche, so wie ich auch.

„La vita è bella cosi com’è“, tönt eines meiner Lieblingslieder in meinen Ohren. Ja, das Leben ist schön, und es ist zerbrechlich. Der Tod meines Kollegen hat in mir wieder altbekannte Ängste wachgerufen: Wann trifft mich das gleiche Schicksal? Man sollte das Leben geniessen, gerade weil es jederzeit zu Ende sein kann. Aber darf ich das angesichts des Schicksals meines Kollegen? Kann ich es mir einfach so gut gehen lassen, den Sommer geniessen, meine Ausbildung beenden – und er musste sterben? Ich komme mir vor wie die einzige Überlebende eines Unglückes. Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil ich noch leben darf und er nicht. Und ich habe Angst, weil ich wieder gesehen habe, wie fragil das Leben ist, und dass es jeden jederzeit treffen kann.

Die inzwischen abendliche Sonne taucht die Landschaft in ein warmes Licht. Und da ist mir, als hörte ich die Stimme meines Kollegen, der zu mir sagt: „Mache dir keine Sorgen um mich, mir geht es jetzt gut. Aber leb‘ DU jetzt mal dein Leben!“

Ja, er hat Recht, ich sollte mein Leben leben, gerade jetzt! Ganz intensiv, aus dem Vollen schöpfend, in Wertschätzung für das Schöne und Gute, das es mir bietet. Das Leben beim Schopf packen, anstatt mich von Ängsten bremsen zu lassen. Mich einbringen in die Welt, so wie es mir entspricht. Nicht müde werden, nach der Wahrheit zu suchen, auch wenn wir Lebenden sie nur erkennen können wie durch einen trüben Spiegel.

Ich glaube sogar, dass wir das den Verstorbenen irgendwie schuldig sind, vielleicht gerade weil sie es selber nicht mehr können. Dass wir sozusagen stellvertretend für sie leben sollen und nicht darin nachlassen, das Gute und Schöne in die Welt zu bringen. Nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus Dankbarkeit dafür, dass wir am Leben sind.

Schon morgen früh werde ich in den Feldern hinter meinem Haus joggen gehen und den Duft des Sommers einatmen, obwohl ich eigentlich keine Zeit dazu habe. Schon morgen werde ich beginnen, den Kontakt zu vertiefen zu Menschen, die mir wertvoll sind.

Dieser Tag ist nun vier Jahre her. Heute weiss ich: Diese Zugfahrt hat etwas in meinem Leben verändert. Nicht das Leben selber. Aber meine Haltung zum Leben.

Danke, Chrigel!

Können Worte töten?

Vergangene Woche wurde in einer britischen Kleinstadt die Politikerin Jo Cox auf offener Strasse brutal ermordet.

Jo Cox war eine aufstrebende Labour-Abgeordnete, die sich mit Leidenschaft für ihre Ziele und Ideale einsetzte: Für soziale Gerechtigkeit, für eine humanitäre Flüchtlingspolitik, für Menschenrechte, für die Gleichberechtigung der Frau und nicht zuletzt für den Verbleib Grossbritanniens in der EU. Sie soll warmherzig und aufgeschlossen gewesen sein, sie solle, wie es in fast idealisierender Weise formuliert wird „niemals gehasst, sondern nur geliebt“ haben.

Ohne die Motive des Täters im Einzelnen zu kennen, ist es doch offensichtlich, dass es sich hierbei um einen politischen Mord handelt. Der Täter soll ein Anhänger der rechtsradikalen Szene sein. Auch wenn er tatsächlich ein Einzeltäter ist, muss diese Tat in einem grösseren Zusammenhang gesehen werden.

Die Diskussionen in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien ist in letzter Zeit emotional aufgeladen und verläuft nicht selten hasserfüllt. In einer Atmosphäre, in der die Bezeichnung „Gutmensch“ bereits als übles Schimpfwort verstanden wird, verkörpern Menschen wie Jo Cox für gewisse Leute das Feindbild schlechthin. In der letzten Zeit, in der die Diskussion um den „Brexit“ und das damit verbundene Thema Migration immer gehässiger geführt wird, bekamen Jo Cox und viele andere Politikerinnen Mord- und Gewaltandrohungen vom Übelsten. Bei Frauen kommen dann noch die oft plastisch ausformulierten Vergewaltigungsdrohungen dazu.

Jo Cox liess sich davon nicht beirren. Nun hat einer diese Drohungen wahr gemacht. Jetzt sind alle betroffen. Man fragt sich: Wie konnte es zu so einer schrecklichen Tat kommen?

Wenige Tage vorher wurde in Orlando in einem Schwulenclub ein Massaker mit 49 Toten angerichtet. Auch diese Tat kann man als Verbrechen eines irregeleiteten Einzeltäters abtun. Doch auch diese Tat wurde nicht erst dann vorbereitet, als der Mörder seinen teuflischen Plan fasste. Solche Taten beginnen schon viel früher, in den Medien, in Diskussionen auf der Strasse und an den Stammtischen, in den Kommentarspalten von Facebook und Twitter. Solche Taten werden durch Worte vorbereitet. Worte sind nicht harmlos. Worte können viel bewirken, im Guten wie im Schlechten. Und wie in diesem Fall deutlich wird: Worte können auch töten. Zumindest können sie einen Prozess von Hass und Verachtung auslösen, an dessen Ende ein Mord oder ein Massaker stehen kann.

Ich glaube, dass es genau das ist, was Jesus in seiner Bergpredigt gemeint hat:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Mt. 5, 21 – 22)

Jesus stellt hier das despektierliche Reden über einen Mitmenschen auf die gleiche Stufe wie einen Mord. Das ist sehr radikal. Aber die Fälle von Jo Cox und Orlando lassen uns darüber nachdenken, ob diese Radikalität nicht auch durchaus angebracht sein kann. Es genügt eben nicht, einfach nur zu sagen: „Du sollst nicht töten!“ Das Töten oder die Gewalt fängt schon viel früher an: Bei unseren Worten und Gedanken. Es nimmt seinen Anfang da, wo wir Menschen beschimpfen oder mit erniedrigenden Titeln belegen und damit ihre Würde in Frage stellen. Die Hemmschwelle zur Gewalt ist niedriger, wenn die Würde von Menschen nicht mehr respektiert wird. In der Nazi-Propaganda wurden die Juden als „Ungeziefer“ bezeichnet. Was macht man mit Ungeziefer? Man versucht, es auszurotten, mit Chemikalien oder mit Gas. Genau das haben die Nazis mit den Juden – also mit Menschen – schliesslich auch wirklich gemacht.

Wer einen Menschen beschimpft oder verunglimpft, bringt seine oft unbewussten Regungen zum Ausdruck. Besonders deutlich wurde mir das anhand des Satzes „Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen.“ Ein Satz, den wir als Jugendliche immer lustig fanden, vor allem, wenn er gegen die „Spiesser“ gerichtet war, gegen die Kapitalisten etc. Bis mir einmal jemand erklärte, dass dieser Satz eigentlich einen unbewussten Tötungswusch zum Ausdruck bringt. Hier werden Menschen mit Schweinen verglichen, also mit Tieren, die als sehr unsauber gelten. Und wenn aus Schweinen Schinken werden soll, müssen sie geschlachtet werden. Dieser Satz drückt Hass, Verachtung und Aggression gegen eine bestimmte Menschengruppe zum Ausdruck gebracht. Ein solcher Satz drückt Gewalt aus, Gewalt, die sich irgendwann vielleicht konkret in einer Tat äussern kann. Es reicht, dass ein Einziger sich durch diese Hasskultur berufen fühlt, schliesslich tatsächlich zur Waffe zu greifen.

Dieses Phänomen geschieht zurzeit gehäuft in unserer Gesellschaft, in Europa und den USA: Politische Gegner wie auch gesellschaftliche Minderheiten werden diffamiert, herabgewürdigt, mit Beschimpfungen und Schmähungen belegt. Und dies nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Es ist mittlerweile salonfähig geworden, in Fernsehdiskussionen, politischen Reden, Wahlkämpfen. Und die Propagandisten haben damit Erfolg. Sie werden gewählt. Und während sie sich in der Öffentlichkeit noch am Rande der Legalität bewegen, wird ihre Hasspropaganda von ihren Anhängern kopiert und verstärkt, oftmals unter dem Deckmantel des „Man wird doch wohl noch sagen dürfen…“.

Es braucht also gar nicht so viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche gewalttätigen Regungen sich hinter gewissen Sprüchen und Kommentaren verbergen. Der Zusammenhang zwischen Worten („Man sollte die alle mal…“) und brennenden Flüchtlingsheimen ist in diesem Kontext offensichtlich. Die Gewalt, die an verschiedenen Orten zum Ausbruch kommt, wird in einem entsprechenden geistigen Klima vorbereitet. Es reicht schon, wenn auch nur Einzelne solchen Worten Taten folgen lassen. Und leider gibt es auch immer eine undefinierbare Masse, die dazu heimlich oder offen applaudiert.

Jesus hatte also schon damals die menschliche Psyche durchschaut, als er auf den Zusammenhang zwischen blossen Gedanken und Worten und der tatsächlichen Ausübung von Gewalt aufmerksam machte. Das sollte uns in Anbetracht der jüngsten Ereignisse zu denken geben.

Bleibend Schönes

Ich würde so gerne einmal etwas bleibend Schönes schaffen. Etwas, das man aufstellen oder aufhängen kann, betrachten und berühren, etwas, das Bestand hat über Jahre und Jahrzehnte hinaus. Etwas, das auch noch da ist, wenn es mich schon lange nicht mehr gibt. Ich würde so gerne einmal ein Bild malen, das auch später noch irgendwo hängt. Ein Kunstwerk schaffen, das auch in vielen Jahren noch von den Leuten bestaunt wird. Meinetwegen auch eine schöne Kür laufen oder einen Tanz aufführen, der auch später noch auf Youtube betrachtet werden kann. Oder ein Musikstück komponieren, das auch von späteren Generationen noch gesungen und gespielt wird. Oder ein Buch schreiben, in dem man blättern kann und das auch viele Jahre später noch in den Regalen der Bibliotheken vorhanden ist.

Aber alles, was ich in meiner Kreativität erschaffen kann, gehört dem Augenblick. Ich kann etwas schreiben, das vielleicht von ein paar Leuten gelesen und dann vergessen wird. Das schon bald auf dem Altpapier-Stapel landet, sofern es überhaupt gedruckt wurde. Das mit einem Mausklick gelöscht werden kann. Das in der Facebook-Timeline schon nach einem Tag verschwunden ist.

Oder Worte, die ich spreche: Vielleicht werden sie gehört. Aber wie lange haben sie Bestand? „Danke, Frau Pfarrerin, für Ihre schönen Worte“, wird mir manchmal gesagt. Sind sie nachhaltig? Verändern sie etwas in dem Menschen, der sie gehört hat? Machen sie ihn nachdenklich? Bringen sie ihn weiter in den Fragen seines Lebens? Oder waren es einfach doch nur „schöne Worte“, für die man sich aus Höflichkeit bedankt? Die einem nur bestätigen in dem, was man sowieso schon immer wusste und dachte? Die man nach Verlassen der Kirche sofort wieder vergessen hat?

Ich kann weder malen noch bildhauen noch komponieren. Ich bin auch keine Eiskunstläuferin oder Tänzerin. Auch ein Buch habe ich nicht geschrieben. Es ist mir beschieden, Dinge zu erschaffen, die flüchtig sind. Vergänglich. Die nur dem Augenblick gehören und vielleicht nicht einmal ihm. So bleibt mir nichts anderes übrig, als den jeweiligen Moment zu füllen mit meinen Worten, meinen Handlungen und meiner Präsenz und dabei weiterhin zu versuchen, mein Bestes zu geben. Wenn es auch wenig Resonanz dafür gibt – wer weiss schon, ob ich damit nicht vielleicht doch irgendwelche Spuren hinterlasse und wie nachhaltig es schlussendlich sein wird.

Und doch: Ich würde so gerne einmal etwas bleibend Schönes schaffen.

 

Der Puddingzug

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Es sind meine schönsten Kindheitserinnerungen: In meinen ersten sechs Lebensjahren verbrachten wir unsere Ferien jeden Sommer im Engadin, in einem kleinen idyllischen Dorf mit dem Namen Cinous-chel. Im Garten des Hauses stand eine Schaukel, auf der ich mit der Zeit lernte, alleine zu schaukeln. Abends wurden die Kühe von der Alp an unserem Haus vorbeigetrieben. Wir liefen dann jeweils hinaus und riefen: „Die Kühe kommen!“ Meine Schwester und ich wurden dann mit dem Milchkübel zu einem kleinen Häuschen geschickt, um frische Milch zu holen. Und zu einer bestimmten Zeit am Abend läuteten die Glocken der kleinen Kirche, die direkt gegenüber unserem Haus stand. Manchmal durften wir auch zuschauen, wie grosse Buben im Turm das Glockenseil zogen.

Ein fester Bestandteil meiner Erinnerungen ist auch das rote Bähnlein, das mehrmals am Tag oberhalb unseres Hauses vorbeifuhr. Wenn wir es rechtzeitig merkten, liefen wir die Anhöhe hinauf und winkten den Passagieren zu. Wir freuten uns sehr, wenn jemand zurückwinkte. Manchmal waren die Waggons aber aus Holz und ohne Fenster. „Das ist ein Güterzug.“, wurde mir dann erklärt. Und manchmal waren auf den Waggons grosse, runde Behälter befestigt. „Da ist Pudding drin.“, sagte mein Vater. Das erschien mir logisch. Schliesslich sah der runde Tank fast so aus wie ein umgestürzter Pudding. Und einmal, als aussen am Tank etwas verschmiert war, sagte meine Schwester: „Schau mal, da ist sogar etwas Pudding ausgelaufen!“. Jedesmal, wenn der Zug mit den runden Behältern vorbeifuhr, sagten wir: „Schau mal, ein Puddingzug!“.

Ich war dann jedesmal etwas traurig, wenn wir nach den Ferien in das graue Frankfurt zurückfuhren. Ich kam mir vor wie Heidi, die auch nach Frankfurt musste und dort Sehnsucht nach den Bergen hatte.

Als ich sieben Jahre alt war, gingen wir nicht mehr ins Engadin in die Ferien, sondern ans Meer, nach Spanien. Dort gefiel es mir auch gut. Es war einfach alles ganz anders.

Die Jahre vergingen. Ich kam für den Rest meiner Kindheit nie mehr ins Engadin. Die Erinnerungen aber blieben: An die Schaukel, das Kirchlein, die Kühe, das Milchhäuschen und an das rote Bähnlein mit dem Puddingzug.

Als Erwachsene zog es mich dann in die Schweiz – nicht zuletzt auch wegen dieser schönen Erinnerungen. Ich besuchte auch das Engadin. Als erstes sah ich mir das Dorf Cinuos-chel an. Es sah fast noch genauso aus wie früher. Es kam mir nur alles viel kleiner vor, als ich es in Erinnerung hatte. Und auch den Puddingzug gab es noch.

Wie es der Zufall – oder auch die Fügung – wollte, wurde meinem Mann und mir als erste Pfarrstelle eine Stelle im Engadin angeboten, die wir dann auch annahmen. Wir wohnten in einem grösseren Dorf. Auch in der kleinen Kirche von Cinuos-chel hielt ich manchmal Gottesdienst. Die Rhätische Bahn wurde zu einem festen Bestandteil meines Lebens.

Als ich dann irgendwann mal so überlegte, wurde mir klar, dass in diesen grossen runden Tanks doch eigentlich gar kein Pudding drin sein kann. Und plötzlich dämmerte es mir, dass die Rede vom Puddingzug natürlich einer der typischen Witze meines Vaters gewesen sein musste. Natürlich konnte er damals nicht wissen, dass ich als Sechsjährige ihm alles geglaubt hatte. Der Gedanke an den Puddingzug hatte sich im Laufe der Jahre in meinem Gedächtnis konserviert, ohne dass ich darüber nachgedacht hätte.

Die Moral von der Geschichte? Man soll nicht alles glauben, was einem so gesagt wird. Man sollte immer den eigenen Kopf gebrauchen, nachdenken, hinterfragen und sich seine eigenen Urteile bilden. Das ist zu einem wichtigen Motto in meinem Leben geworden.

Den Witz vom Puddingzug nehme ich meinem Vater aber nicht übel. Dadurch konnte ich mir in meiner ganzen Rationalität noch ein Stück meiner kindlichen Vorstellungswelt erhalten. Denn der runde Tank der Rhätischen Bahn ist und bleibt für mich ein Puddingzug.

 

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Die Tücherbox

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Auf meinem Schreibtisch steht eine Tücherbox. Die Schachtel mit den Papiertüchern gehört neben dem Laptop, den Büroklammern, dem Stiftehalter, einem Glas Wasser oder einer Tasse Tee, einer Kerze und einem Papierblock zu meinen Arbeitsutensilien. Das ist praktisch: Ich kann mir mit den Tüchern die Nase putzen. Ich kann mir damit den Monitor abstauben, die Brille putzen oder ein paar verschüttete Tropfen Tee aufwischen. Aber ich brauche die Tücher manchmal auch noch zu etwas anderem: Ich kann mir damit auch die Tränen abputzen. Ja, auch das Weinen gehört manchmal zu meiner Arbeit.

Wenn ich an einer Beerdigung arbeite, mich berühren lasse von den Höhen und Tiefen dieses Lebens und versuche, tröstende Worte dazu zu finden, dann kann es durchaus sein, dass ich so ergriffen bin, dass ich Tränen vergiesse. Und erst recht passiert mir das bei tragischen Todesfällen, die ich selber erst einmal so weit „verdauen“ muss, dass ich schliesslich professionell daran arbeiten kann.

In solchen Fällen kann es wirklich sein, dass ich vor dem Laptop sitze und Rotz und Wasser heule. Ich bin eben nun mal nah am Wasser gebaut, und darum ist es wichtig, dass ich meinen Tränen freien Lauf lassen kann. Auf diese Art kann ich meine eigene Betroffenheit so weit verarbeiten, damit ich mich wenige Tage später hinstellen und mit Ruhe und Gefasstheit zur Trauergemeinde sprechen kann. Auch wenn ich in gewissen Fällen meine eigene Betroffenheit nicht ganz verbergen kann und auch nicht muss, gehört es doch zum professionellen Auftreten, dass ich nicht selber in Tränen aufgelöst bin, sonst könnte ich auch niemandem in dieser Situation den nötigen Halt bieten.

Kürzlich kam mit der Gedanke: Das ist ja eigentlich ganz schön viel, was ich da von mir für diesen Beruf gebe: Ich stelle nicht nur meine Arbeitskraft zur Verfügung, meine Kompetenz, meine Zeit und meine Dienstleistung. Ich gebe auch etwas ganz Persönliches von mir selber: Meine Tränen, meine Gefühle, meine Empathie. In welchem Beruf ist das wohl sonst noch so?

Sicher, es gibt auch andere Berufe, in denen man mit schwierigen Schicksalen konfrontiert wird. Dafür braucht es eine professionelle Distanz. Auch ein Arzt, eine Psychologin, ein Bestatter, eine Sterbebegleiterin können nicht in grenzenloser Empathie mitfühlen mit dem Leiden ihrer Klientel. Sonst würden sie bald diese Arbeit nicht mehr machen und auch niemandem wirklich helfen können. Diese Distanz ist in solchen Berufen nötig; man muss nach der Arbeit wieder abschalten und sich unbeschwert seinem Privatleben zuwenden können.

Auch ich lege Wert auf diese Art von Distanz. Man muss sich gerade im Pfarrerberuf abgrenzen können, man darf die Arbeit und die persönlichen Begegnungen in der Kirchgemeinde nicht völlig mit dem Privatleben verschmelzen. Gerade weil ich mit so vielen schweren Situationen und Lebensgeschichten konfrontiert werde, ist es wichtig, dass ich mich auch immer wieder davon erhole und mich den schönen und freudigen Seiten des Lebens zuwende. Ich denke, das gelingt mir nach so vielen Jahren als Pfarrerin meistens gut. Aber trotzdem will ich mich auch immer wieder berühren lassen von den Schicksalen, die mir begegnen, will meine Tränen vergiessen können, damit ich die mir anvertrauten Menschen auf eine gute Art begleiten kann. Anders würde ich diesen Beruf nicht ausüben wollen und können. Und ich gewinne auch etwas dabei. Ich habe auf diese Art Anteil an der Tiefe des Lebens, ich erfahre immer wieder, wie kostbar und auch verletzlich das Leben ist. Das führt mich schliesslich zu einer tiefen Dankbarkeit dafür, dass es mir und meiner Familie (noch) gut geht. Das sind mir die Tränen wert.

 

 

 

 

Von weissen und schwarzen Schafen

Jetzt ist es wieder zu sehen, überall im Schweizerlande, auf Plakatwänden, in Zeitungsinseraten, auf bestimmten Internetseiten, und natürlich prangt es auch auf der Titelseite des „Extra-Blattes“, das die „Schweizerische Volkspartei“ in millionenfacher Auflage in alle Haushalte verschicken liess: Die Rede ist vom Schäfli-Plakat.

Bereits vor einigen Jahren hat diese Partei mit ebendiesem Sujet für ihre „Ausschaffungsinitiative“ geworben – und zwar erfolgreich. Die „Volksinitiative für die Ausschaffung krimineller Ausländer“ wurde im Jahr 2010 von 53% der Stimmenden angenommen. Doch bevor das dazu ausgearbeitete Gesetz in Kraft treten kann, setzt die SVP noch einen drauf: Mit der Behauptung, ihr Anliegen sei „verwässert“ worden, lassen sie nun die sogenannte „Durchsetzunginitiative“ folgen, die das Gesetz bereits verschärfen soll. Es sollen keine Härtefälle geltend gemacht werden können, auch Personen, die in der Schweiz aufgewachsen, verwurzelt und gut integriert sind, sollen automatisch „ohne Wenn und Aber“ selbst bei Bagatelldelikten des Landes verwiesen werden, ohne dass ein Richter die Verhältnismässigkeit dieser Massnahme im Einzelfall überprüfen könnte. Am 28. Februar wird über diese Initiative abgestimmt. Umfragen zufolge hat sie guten Chancen, angenommen zu werden.

Dass diese Idee der Rechtsstaatlichkeit, den Menschenrechten sowie grundlegenden Werten widerspricht liegt auf der Hand. Ich möchte hier nicht die vielen stichhaltigen Gegenargumente wiederholen, die von Politikern, Juristen und diversen Organisationen ins Feld geführt werden, sondern auf einen ganz bestimmten Aspekt dieses Themas aufmerksam machen, nämlich auf das besagte „Schäfli-Plakat“.

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Drei weisse Schafe befinden sich auf einem roten Feld mit Schweizer Kreuz, eines davon kickt mit einem Huftritt ein schwarzes Schaf aus diesem Feld hinaus.

Die rassistischen Implikationen des schwarzen Schafes liegen auf der Hand. Dazu kommt die Tatsache, dass dieses Bild ganz klar Gewalt zum Ausdruck bringt. Alles Andersartige, Fremde, nicht Konforme soll aus unserem Land „hinausgekickt“ werden. Gemeint sind damit Menschen.

Dieses Bild entlarvt, von welcher Gesinnung das Anliegen dahinter ist. Es enthüllt den zutiefst menschenverachtenden und fremdenfeindlichen Charakter der Initiative. Und der Schriftzug „Für eine sichere Schweiz“ suggeriert, man könne das Land sicher machen, indem man alles Störende und Unpassende aus seiner Mitte entfernt, als könne man auf diese Art so etwas wie einen gesunden Volkskörper schaffen, in dem alles Böse ausgerottet wäre.

Es ist der Geist hinter diesem Plakat, der mich zutiefst beunruhigt. Die Schäfli-Symbolik lässt vergessen, dass es hier um Menschen geht, die eine Würde haben, ungeachtet ihrer Nationalität oder auch ihrer Taten. Und Menschenwürde wird nicht erst durch physische Gewalt verletzt, sondern eben auch bereits durch Worte, Gedanken oder Bilder.

Das hat auch Jesus erkannt. In seiner Bergpredigt sagt er: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Matthäus 5, 21-22, Luther-Übersetzung).

Was Jesus mit diesen überspitzten Formulierungen sagen will: Nicht erst eine ausgeführte Tat ist verwerflich, sondern schon die entsprechende Einstellung. Die hasserfüllten Gedanken. Die menschenverachtenden Phantasien. Die Abwertung und Ausgrenzung von ganzen Menschengruppen. Und sei es auch nur durch Bilder, Metaphern und Worte. Denn damit fängt alles an, was später in Unrecht und realer Gewalt münden kann. So harmlos das Schäfli-Plakat auch aussehen mag: Es bedient mit seiner Symbolik Aggressionen und unterbewusste Gewaltphantasien. Huftritte tun weh. Mit solchen Darstellungen wird in der Bevölkerung Stimmung gemacht. Der Weg von so einem Plakat bis zu einem brennendem Asylantenheim ist dann gar nicht mehr so weit wie man meinen könnte.

Natürlich, die Bevölkerung hat Angst vor Kriminalität. Aber es ist vor allem auch die Angst vor dem Andersartigen. Diese Ängste werden hier bewusst geschürt.

Auch ich habe Angst. Und zwar davor, dass das Land, in dem ich gerne lebe, ein immer unmenschlicheres Gesicht bekommt, immer unbarmherziger, gnadenloser und kälter wird, in dem das „Ohne Wenn und Aber“ über die Achtung der Menschenwürde dominiert. Ich habe Angst davor, dass der Geist, der hinter dem Schäfli-Plakat steht, sich immer mehr durchsetzt.

Setzen wir diesem Geist ein anderes Denken, Fühlen und Handeln entgegen, bevor es zu spät ist.

Nachtrag 1:

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Nachtrag 2:

In Thun haben bei einer Kontrolle zwei Asylbewerber Polizisten angegriffen. Sie konnten von der Polizei überwältigt werden. Dieser Angriff ist selbstverständlich durch nichts zu rechtfertigen. Ebenso wenig aber auch  das Verhalten einiger Passanten. Hier ein Augenzeugenbericht aus dem „Thuner Tagblatt“ vom 11.02.16:

„Um die Szene habe sich rasch eine Menschenmenge gebildet. «Das war regelrecht ein Mob, der teils rassistische Zwischenrufe von sich gab», so P.S.. Eine Person habe die Situation ausgenutzt und dem bereits überwältigten Mann zwei Tritte verpasst. Er und die Polizisten hätten gar keine Möglichkeit gehabt zu reagieren, sagt der Augenzeuge.“

Hier hat wohl jemand das Schäfli-Plakat allzu wörtlich genommen…