Wie sieht Ostern aus?

Mal ganz ehrlich: Was denken Sie als Erstes, wenn Sie das Wort Ostern hören? Welche Bilder und Assoziationen kommen Ihnen ganz spontan zu diesem Begriff in den Sinn?

Ich vermute, es sind die Ostereier. Mir ging es jedenfalls lange Zeit so. Das grosse O am Anfang dieses Wortes erinnert ja auch an ein Osterei. Vielleicht denkt man ja auch an Osterhasen, Osterdekorationen mit farbigen Frühlingsblumen, nach einem langen Winter sieht man grünes Gras und Osterglocken vor dem inneren Auge. Oder man denkt an einen österlichen Brunch mit leckeren Speisen und dem vergnüglichen Eiertütschen. Aber die wenigsten Menschen werden bei diesem Wort als Erstes an die Auferstehung Jesu denken.

Das ist auch verständlich. Denn das, was wir an Ostern eigentlich feiern, nämlich die Auferstehung Jesu von den Toten, kann man sich nicht so leicht bildlich vorstellen.

Mit Weihnachten ist es etwas anders: Zwar hat auch der Weihnachtsbaum mit der biblischen Weihnachtsgeschichte herzlich wenig zu tun, aber wenigstens gibt es die Weihnachtskrippe und Krippenspiele, welche diese Geschichte anschaulich machen. Die Weihnachtsgeschichte wird auch sonst auf vielerlei Art dargestellt und nacherzählt, so dass die meisten Menschen einen inneren Bezug herstellen können zwischen dem Fest und der biblischen Überlieferung, die dem zugrunde liegt.

Was hingegen Ostern betrifft, so ist zu befürchten, dass mit der Zeit immer weniger Menschen wissen, was da eigentlich gefeiert wird. Nein, es ist nicht ein Frühlingsfest. Nein, es geht hier nicht um die Ostereier und Osterhasen. Auch nicht um den Brauch des Eiertütschens und Brunchens, auch nicht darum, dass man da ein paar Tage frei hat, um nochmal auf die Skipiste zu gehen oder ins Tessin (und auch der Stau am Gotthard hat mit Ostern ursprünglich nichts zu tun). Alles das gehört zwar inzwischen auch dazu, ist aber nicht der eigentliche Sinn dieses Festes.

Das Problem ist, dass die Auferstehung Jesu nicht so leicht abzubilden ist wie die Krippenszene aus der Weihnachtsgeschichte.

Das liegt in der Natur der Sache. Auch in der Bibel wird die Auferstehung nicht direkt beschreiben, es gibt davon keine Augenzeugenberichte. Das einzige Zeugnis davon ist das leere Grab, das Maria von Magdala und „die andere Maria“ am frühen Morgen des dritten Tages nach der Kreuzigung entdecken. Auch in der Kunst gibt es wenige Bilder, welche die Auferstehung darzustellen versuchen.

Wie können wir nun Ostern mit der Auferstehung verbinden? Wie kann man die Bedeutung von Ostern sichtbar und erfahrbar machen?

Die kirchliche Tradition hat viele Bräuche und Rituale entwickelt, um mit Symbolen den Sinn des Osterfestes verständlich zu machen.

Sehr alt ist die Tradition der Nachtwache. Wegen der Entdeckung des leeren Grabes Jesu „früh am Morgen, als eben die Sonne aufging“ ist die Morgenröte im Christentum Symbol der Auferstehung. Die Canones Hippolyti  (um 350) gaben daher für die Osternacht die Weisung: „Alle sollen daher bis zur Morgenröte wachen, dann ihren Leib mit Wasser waschen, bevor sie Pascha feiern, und das ganze Volk sei im Lichte“.

Im 12. Jahrhundert leitete man den Begriff Ostern von Osten ab, der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs. Der Ort der aufgehenden Sonne galt als Symbol des auferstandenen und wiederkehrenden Jesus Christus. Viele neue Christen ließen sich damals bei Sonnenaufgang am Ostermorgen taufen.

Aus diesem Brauchtum haben sich die Osterfrühfeiern und die Osternachtsfeiern entwickelt, die heute auch bei uns Reformierten in vielen Kirchgemeinden gefeiert werden. Dabei wird auf dem Friedhof ein Osterfeuer entzündet als Symbol für die Auferstehung, für das Leben inmitten des Todes. In diesem Zusammenhang steht auch der Brauch der Osterkerze. Diese wird mit einer Flamme des Osterfeuers entzündet. So gelangt das Licht der Auferstehung in die Kirche. Die Osterkerze brennt dann in jedem Gottesdienst des Kirchenjahres. Bei Tauffeiern entzündet man an ihrer Flamme die Taufkerze, am Ewigkeitssonntag wird für jeden Verstorbenen eine Kerze daran angezündet, um die Hoffnung der Auferstehung zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Art wird die Präsenz des Auferstandenen bei allen gottesdienstlichen Anlässen sichtbar gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest, viel Freude am Eiertütschen – und vergessen Sie dabei nicht, was Ostern wirklich bedeutet.

Dieser Text erschien im April 2017 als Editorial in der Kirchenzeitung „Reformiert“.

Die Hand Gottes

In dem Bergdorf, in dem ich früher Pfarrerin war, ging eines Winters eine Lawine nieder. Sie rutschte ein Bachbett hinunter und kam, gebremst durch eine Brücke, direkt vor der Dorfstrasse zum Stillstand. Dadurch gab es keine grösseren Schäden und es wurde auch niemand verletzt.

Kurz darauf war ich zu Gast in einem Gebetskreis. Dort wurde gebetet: „Danke, Gott, dass du mit deiner Hand genau am richtigen Ort die Lawine aufgehalten und unser Dorf verschont hast!“

Es tut mir leid, aber so etwas kann ich einfach nicht mitbeten. Mir kommen dazu sofort Fragen: Was ist mit anderen Lawinen, die nicht so glimpflich ausgegangen sind? Warum hat Gott da nicht mit seiner Hand eingegriffen? Wie war das kürzlich bei der Lawine auf das Hotel in den Abruzzen mit 29 Todesopfern? Oder mit dem grossen Tsunami 2005? Hätte Gott da nicht auch die Wellen mit seiner Hand aufhalten können? Und die Bomben und Drohnen, die fast täglich auf der Welt unschuldige Menschen töten? Könnte Gott die nicht auffangen? Oder hätte er Angst, sich dabei die Finger zu verbrennen? Oder liegt es einfach daran, dass zu wenig gebetet wurde?

Ein solches Gottesbild mag wohl vielen Menschen helfen, ihr Leben zu bewältigen. Das sei ihnen gegönnt. Aber ich kann es einfach nicht teilen. Mir ist es zu banal. Für mich hat Gott keine Hände, mit denen er hie und da mal eingreift – oder eben auch nicht. Für mich hat Gott keine Menschengestalt. Er hat keine Körperteile, mit denen er handelt, wie ein Mensch handelt.

Was mich daran so stört? Ich habe den Eindruck, mit diesem Gottesbild wird sich ein Gott je nach Bedürfnis zurechtgebogen. Es verstellt den Blick darauf, wer oder was Gott auch noch sein kann: Der/die/das ganz Andere, das, was viel grösser, umfassender und unbegreiflicher ist als alle Bilder, die wir uns von Gott jemals machen können.

Ich will Gott nicht einengen in ein menschengemachtes Bild, das auf diese Art immer unzureichend bleiben muss. Ich will offen bleiben, staunen und mich immer wieder überraschen lassen davon, was Gott ist und wie Gott in meinem Leben erfahrbar werden kann. Ich will die Unbegreiflichkeit Gottes manchmal eben auch unbegreiflich sein lassen. Dies auch, weil ich Respekt – und ja, auch so etwas wie Ehrfurcht habe vor diesem „Grösseren“, in dem ich mich aufgehoben wissen darf.

Was Gottes Hände betrifft, halte ich es lieber mit dem mittelalterlichen Gedicht, das Dorothee Sölle so gerne zitiert hat:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um Seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füsse, nur unsere Füsse, um Menschen auf Seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von Ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an Seine Seite zu bringen…*

Ich glaube, wir haben noch viel zu tun.

*Zitiert nach: http://www.wallfahrten.ch/index.php/gebete1/jesusgebete/775-christus-hat-keine-haende

Weisse Tauben

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Als ich vor über 15 Jahren an meinen jetzigen Wohnort zog, fiel mir schon nach ein paar Tagen ein Schwarm Vögel auf, der über den Dächern dieser Gegend seine Kreise zog.

Schon bald erfuhr ich, was es damit auf sich hatte: Es waren weisse Brieftauben, die gegenüber der Kirche ihren Taubenschlag hatten. Die Tauben gehörten Werner, einem liebenswürdigen alten Mann.

Werner war bei vielen Leuten im Dorf bekannt. Er war viel draussen unterwegs, werkelte immer irgendwo herum, mähte bei der Kirche und auf dem Friedhof den Rasen und kümmerte sich mit Hingabe täglich um seine Tauben. Die Tauben waren sein Ein und Alles.

Werner war ein durch und durch lieber Mensch. Er wirkte immer gut gelaunt, hatte stets ein freundliches Wort auf den Lippen, war meistens zu einem Schwatz aufgelegt und hätte keiner Fliege etwas zuleide tun können.

Täglich konnte man ihn auf seinem „Töffli“* durchs Dorf fahren sehen. Er brachte seine Tauben zu Hochzeiten und Konfirmationen in der Region, damit man sie dort in einem feierlichen Akt fliegen lassen konnte.

Den Tauben kommt in der jüdisch-christlichen Tradition eine besondere Bedeutung zu. In der Sintflutgeschichte ist es eine Taube, die mit einem Ölzweig im Schnabel den Menschen anzeigt, dass die Wassermassen nun zurückgehen, dass sie bald trockenes Land werden betreten können, dass das Leben auf der Erde also weitergehen wird. Die Taube ist ein starkes Symbol der Hoffnung. Daraus wurde später die Friedenstaube abgeleitet.

Daran denke ich fast täglich, wenn ich aus dem Fenster schaue und draussen die Tauben kreisen sehe. Dieser Anblick lässt mich im Alltag oft einen Moment lang innehalten.

Gestern musste ich Werner beerdigen. Vor einer Woche fand man ihn leblos neben seinem Taubenschlag liegen. Beim Rasenmähen hatte er einen plötzlichen Herzschlag erlitten. Jede Hilfe war zwecklos. Trotz seines hohen Alters hatte sich Werner bis zum Schluss seinen geliebten Tauben widmen können. Er starb bei der Tätigkeit, die er am liebsten machte.

Bei seiner Beerdigung war die Kirche voll bis auf den letzten Platz. Das halbe Dorf war gekommen, um Werner die letzte Ehre zu erweisen. Viele Leute sagten, solche Menschen wie Werner sollte es noch mehr auf der Welt geben.

Auf dem Friedhof bei seinem Grab flogen seine Tauben noch einmal in den Himmel. Sie flatterten kurz über die Gräber, zogen einen Kreis um den Kirchturm und verschwanden in der Ferne. Es war ein berührender Moment.

Die weissen Tauben werden unser Dorf nun verlassen. Ich werde sie sehr vermissen.

*Schweizerdeutscher Ausdruck für Moped

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Inshallah

Über den Musiker Sting ergiesst sich ein Shitstorm, weil er im Bataclan ein Lied gesungen hat mit dem Titel „Inshallah“. Durch das Verwenden dieses islamischen Begriffes habe er die Terroropfer ein zweites Mal getötet, lautet eine von vielen Stimmen auf Twitter.

Doch im Text dieses Liedes geht es weder um Islamismus noch um Terrorismus. Es geht um eine Flüchtlingsfamilie in einem Boot auf dem Meer, die um ihr Überleben bangt. Das Wort Inshallah („So Gott will“) soll die Angst und gleichzeitig die Schicksalsergebenheit dieser Menschen zum Ausdruck bringen. Sie hoffen auf Rettung und wissen sich unter Gottes Macht stehend. Sie sind bereit, sich seinem Willen zu fügen.

Im arabischen Raum wird der Ausdruck „Inshallah“ häufig gebraucht, wenn von der Zukunft gesprochen wird. Bei Sätzen wie: „Morgen werde ich dieses und jenes tun…“ wird ein „Inshallah“ angefügt: „So Gott will“. Denn niemand weiss, was morgen wirklich sein wird. Menschen können ihre Pläne machen, doch deren Verwirklichung liegt nicht immer in ihrer eigenen Hand. Das Wort Inshallah ist Ausdruck grösster Frömmigkeit und Demut.

Im Wort „Inshallah“ ist das Wort „Allah“ enthalten. Zur Erinnerung: „Allah“ bedeutet nichts anderes als „Gott“. Es handelt sich wohlgemerkt um den gleichen Gott bei Juden, Christen und Muslimen. Auch in der arabischen Übersetzung der Bibel wird der Begriff „Allah“ für Gott verwendet.

Sind wir nun schon so weit gekommen, dass die blosse Erwähnung des arabischen Gottesnamens als terroristisch empfunden wird? Darf man dieses Wort nun nicht mehr aussprechen, bloss weil ein paar Extremisten diesen Begriff aufs Übelste missbraucht haben? Zählt die grosse Mehrheit der Muslime auf der Welt nichts mehr, die einfach auf friedliche Art ihren Glauben leben?

Die Wahrnehmung ist längst getrübt. Alles, was irgendwie nach Islam klingt, wird ohne Unterschied mit Extremismus, Gewalt und Terrorismus gleichgesetzt.

Ich frage mich, wie unter diesen Umständen ein friedliches und tolerantes Zusammenleben zwischen Menschen verschiedenen Glaubens noch möglich sein soll.

Wenn ein Musiker in einem Text nicht einmal mehr ein arabisches Wort verwenden darf, dann haben die Terroristen ihr Ziel bereits erreicht.

Das Lied „Inshallah“ auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=jPMHE5kNg_w

Der Text kann hier nachgelesen werden: http://www.azlyrics.com/lyrics/sting/inshallah.html

Nachtrag am 3.2.17: Fortsetzung ist gefolgt. Jetzt gilt das Gotteslob bereits als Drohung.

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Wasser-Wege

Ich liebe das Wasser. Jetzt im Hochsommer nutze ich jede Gelegenheit, um möglichst oft irgendwo zu baden. Da ich in einer Gegend wohne, in der es viel Wasser gibt, habe ich glücklicherweise viele Möglichkeiten dazu: Wahlweise im See, im Fluss oder auch in der dorfeigenen „Badi“.

Genauso sehr wie den Aufenthalt im und am Wasser geniesse ich auch die Fahrt mit dem Fahrrad an den See und zurück. So habe ich zweierlei Bewegung und dazu auch noch ein schönes Landschaftserlebnis.

Erst neulich ist mir aufgefallen, warum ich diesen Weg ans Wasser so liebe. Weil er nämlich nicht nur zum Wasser hinführt, sondern fast den ganzen Weg am Wasser entlang: Am See, am Fluss und an diversen kleineren Bächen.

Ich habe mal den Weg vom See nach Hause mit dem Handy dokumentiert.

Weil ich zwar an einem schönen Ort wohne, aber leider nicht direkt am Wasser, gibt es am Schluss ein paar Bilder von Feldwegen.

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Der tiefere Sinn dieses Blogs? Vielleicht gibt es keinen. Aber es ist einfach schön.

Wie durch einen Spiegel

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In Zürich wird der Zug voll. Ich beschliesse, mir ein 1.-Klasse-Billett zu leisten und wechsle den Waggon. Hier, in einem bequemen Sessel, mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren, kann ich in Ruhe die Landschaft an mir vorbeiziehen lassen und meinen Gedanken nachhängen.

Es ist der 8. August 2012. Ich bin auf dem Heimweg von einer Beerdigung. Ausnahmsweise einmal eine, die ich nicht selber gehalten habe. Ich war dabei als „Trauergast“ oder wie man das nennt. Ein Kollege aus meiner Coaching-Ausbildung wurde beerdigt. Zu Anfang des letzten Ausbildungsjahres hatte er uns überraschend mitgeteilt, dass er eine vernichtende Krebsdiagnose erhalten habe und daher die Ausbildung abbrechen müsse. Er kam dann noch in unser nächstes Seminar, um sich zu verabschieden. Mit viel Galgenhumor erzählte er uns von seiner Situation, es wurde viel gelacht. Doch in seinen Augen konnte ich die Angst sehen. Nur wenige Monate später kam dann die Todesanzeige.

Zwei Jahre lang war ich mit ihm zusammen in einer Arbeitsgruppe gewesen. Wir waren gemeinsam auf dem Weg durch unsere Ausbildung, haben viel zusammen gearbeitet, diskutiert, gelacht, uns einander unterstützt, nach Erkenntnissen gesucht, manchmal auch miteinander gerungen. Jetzt ist er tot.

Die Pfarrerin hatte ein gutes Gespür, obwohl sie den Verstorbenen nicht gekannt hat. Sie hat für ihre Ansprache intuitiv den Bibeltext ausgewählt, den ich an ihrer Stelle auch für meinen Kollegen ausgesucht hätte:

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Korinther 13, 8 – 13)

Ja, so ist es, alles Erkennen ist unvollkommen. Wir sehen wie durch einen Spiegel. Man muss dabei wissen, dass in damaliger Zeit die Spiegel nicht so klare Bilder zurückwarfen wie heute. Vielleicht ist auch der Wasserspiegel damit gemeint.

Der Zug rollt weiter durch die hochsommerliche Landschaft. Ich frage mich, was mein Kollege, sofern er wirklich etwas sehen kann, jetzt wohl sieht, „von Angesicht zu Angesicht“. Ich würde es ihm jedenfalls gönnen. Er war irgendwie auf der Suche, so wie ich auch.

„La vita è bella cosi com’è“, tönt eines meiner Lieblingslieder in meinen Ohren. Ja, das Leben ist schön, und es ist zerbrechlich. Der Tod meines Kollegen hat in mir wieder altbekannte Ängste wachgerufen: Wann trifft mich das gleiche Schicksal? Man sollte das Leben geniessen, gerade weil es jederzeit zu Ende sein kann. Aber darf ich das angesichts des Schicksals meines Kollegen? Kann ich es mir einfach so gut gehen lassen, den Sommer geniessen, meine Ausbildung beenden – und er musste sterben? Ich komme mir vor wie die einzige Überlebende eines Unglückes. Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil ich noch leben darf und er nicht. Und ich habe Angst, weil ich wieder gesehen habe, wie fragil das Leben ist, und dass es jeden jederzeit treffen kann.

Die inzwischen abendliche Sonne taucht die Landschaft in ein warmes Licht. Und da ist mir, als hörte ich die Stimme meines Kollegen, der zu mir sagt: „Mache dir keine Sorgen um mich, mir geht es jetzt gut. Aber leb‘ DU jetzt mal dein Leben!“

Ja, er hat Recht, ich sollte mein Leben leben, gerade jetzt! Ganz intensiv, aus dem Vollen schöpfend, in Wertschätzung für das Schöne und Gute, das es mir bietet. Das Leben beim Schopf packen, anstatt mich von Ängsten bremsen zu lassen. Mich einbringen in die Welt, so wie es mir entspricht. Nicht müde werden, nach der Wahrheit zu suchen, auch wenn wir Lebenden sie nur erkennen können wie durch einen trüben Spiegel.

Ich glaube sogar, dass wir das den Verstorbenen irgendwie schuldig sind, vielleicht gerade weil sie es selber nicht mehr können. Dass wir sozusagen stellvertretend für sie leben sollen und nicht darin nachlassen, das Gute und Schöne in die Welt zu bringen. Nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus Dankbarkeit dafür, dass wir am Leben sind.

Schon morgen früh werde ich in den Feldern hinter meinem Haus joggen gehen und den Duft des Sommers einatmen, obwohl ich eigentlich keine Zeit dazu habe. Schon morgen werde ich beginnen, den Kontakt zu vertiefen zu Menschen, die mir wertvoll sind.

Dieser Tag ist nun vier Jahre her. Heute weiss ich: Diese Zugfahrt hat etwas in meinem Leben verändert. Nicht das Leben selber. Aber meine Haltung zum Leben.

Danke, Chrigel!

Können Worte töten?

Vergangene Woche wurde in einer britischen Kleinstadt die Politikerin Jo Cox auf offener Strasse brutal ermordet.

Jo Cox war eine aufstrebende Labour-Abgeordnete, die sich mit Leidenschaft für ihre Ziele und Ideale einsetzte: Für soziale Gerechtigkeit, für eine humanitäre Flüchtlingspolitik, für Menschenrechte, für die Gleichberechtigung der Frau und nicht zuletzt für den Verbleib Grossbritanniens in der EU. Sie soll warmherzig und aufgeschlossen gewesen sein, sie solle, wie es in fast idealisierender Weise formuliert wird „niemals gehasst, sondern nur geliebt“ haben.

Ohne die Motive des Täters im Einzelnen zu kennen, ist es doch offensichtlich, dass es sich hierbei um einen politischen Mord handelt. Der Täter soll ein Anhänger der rechtsradikalen Szene sein. Auch wenn er tatsächlich ein Einzeltäter ist, muss diese Tat in einem grösseren Zusammenhang gesehen werden.

Die Diskussionen in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien ist in letzter Zeit emotional aufgeladen und verläuft nicht selten hasserfüllt. In einer Atmosphäre, in der die Bezeichnung „Gutmensch“ bereits als übles Schimpfwort verstanden wird, verkörpern Menschen wie Jo Cox für gewisse Leute das Feindbild schlechthin. In der letzten Zeit, in der die Diskussion um den „Brexit“ und das damit verbundene Thema Migration immer gehässiger geführt wird, bekamen Jo Cox und viele andere Politikerinnen Mord- und Gewaltandrohungen vom Übelsten. Bei Frauen kommen dann noch die oft plastisch ausformulierten Vergewaltigungsdrohungen dazu.

Jo Cox liess sich davon nicht beirren. Nun hat einer diese Drohungen wahr gemacht. Jetzt sind alle betroffen. Man fragt sich: Wie konnte es zu so einer schrecklichen Tat kommen?

Wenige Tage vorher wurde in Orlando in einem Schwulenclub ein Massaker mit 49 Toten angerichtet. Auch diese Tat kann man als Verbrechen eines irregeleiteten Einzeltäters abtun. Doch auch diese Tat wurde nicht erst dann vorbereitet, als der Mörder seinen teuflischen Plan fasste. Solche Taten beginnen schon viel früher, in den Medien, in Diskussionen auf der Strasse und an den Stammtischen, in den Kommentarspalten von Facebook und Twitter. Solche Taten werden durch Worte vorbereitet. Worte sind nicht harmlos. Worte können viel bewirken, im Guten wie im Schlechten. Und wie in diesem Fall deutlich wird: Worte können auch töten. Zumindest können sie einen Prozess von Hass und Verachtung auslösen, an dessen Ende ein Mord oder ein Massaker stehen kann.

Ich glaube, dass es genau das ist, was Jesus in seiner Bergpredigt gemeint hat:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Mt. 5, 21 – 22)

Jesus stellt hier das despektierliche Reden über einen Mitmenschen auf die gleiche Stufe wie einen Mord. Das ist sehr radikal. Aber die Fälle von Jo Cox und Orlando lassen uns darüber nachdenken, ob diese Radikalität nicht auch durchaus angebracht sein kann. Es genügt eben nicht, einfach nur zu sagen: „Du sollst nicht töten!“ Das Töten oder die Gewalt fängt schon viel früher an: Bei unseren Worten und Gedanken. Es nimmt seinen Anfang da, wo wir Menschen beschimpfen oder mit erniedrigenden Titeln belegen und damit ihre Würde in Frage stellen. Die Hemmschwelle zur Gewalt ist niedriger, wenn die Würde von Menschen nicht mehr respektiert wird. In der Nazi-Propaganda wurden die Juden als „Ungeziefer“ bezeichnet. Was macht man mit Ungeziefer? Man versucht, es auszurotten, mit Chemikalien oder mit Gas. Genau das haben die Nazis mit den Juden – also mit Menschen – schliesslich auch wirklich gemacht.

Wer einen Menschen beschimpft oder verunglimpft, bringt seine oft unbewussten Regungen zum Ausdruck. Besonders deutlich wurde mir das anhand des Satzes „Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen.“ Ein Satz, den wir als Jugendliche immer lustig fanden, vor allem, wenn er gegen die „Spiesser“ gerichtet war, gegen die Kapitalisten etc. Bis mir einmal jemand erklärte, dass dieser Satz eigentlich einen unbewussten Tötungswusch zum Ausdruck bringt. Hier werden Menschen mit Schweinen verglichen, also mit Tieren, die als sehr unsauber gelten. Und wenn aus Schweinen Schinken werden soll, müssen sie geschlachtet werden. Dieser Satz drückt Hass, Verachtung und Aggression gegen eine bestimmte Menschengruppe zum Ausdruck gebracht. Ein solcher Satz drückt Gewalt aus, Gewalt, die sich irgendwann vielleicht konkret in einer Tat äussern kann. Es reicht, dass ein Einziger sich durch diese Hasskultur berufen fühlt, schliesslich tatsächlich zur Waffe zu greifen.

Dieses Phänomen geschieht zurzeit gehäuft in unserer Gesellschaft, in Europa und den USA: Politische Gegner wie auch gesellschaftliche Minderheiten werden diffamiert, herabgewürdigt, mit Beschimpfungen und Schmähungen belegt. Und dies nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Es ist mittlerweile salonfähig geworden, in Fernsehdiskussionen, politischen Reden, Wahlkämpfen. Und die Propagandisten haben damit Erfolg. Sie werden gewählt. Und während sie sich in der Öffentlichkeit noch am Rande der Legalität bewegen, wird ihre Hasspropaganda von ihren Anhängern kopiert und verstärkt, oftmals unter dem Deckmantel des „Man wird doch wohl noch sagen dürfen…“.

Es braucht also gar nicht so viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche gewalttätigen Regungen sich hinter gewissen Sprüchen und Kommentaren verbergen. Der Zusammenhang zwischen Worten („Man sollte die alle mal…“) und brennenden Flüchtlingsheimen ist in diesem Kontext offensichtlich. Die Gewalt, die an verschiedenen Orten zum Ausbruch kommt, wird in einem entsprechenden geistigen Klima vorbereitet. Es reicht schon, wenn auch nur Einzelne solchen Worten Taten folgen lassen. Und leider gibt es auch immer eine undefinierbare Masse, die dazu heimlich oder offen applaudiert.

Jesus hatte also schon damals die menschliche Psyche durchschaut, als er auf den Zusammenhang zwischen blossen Gedanken und Worten und der tatsächlichen Ausübung von Gewalt aufmerksam machte. Das sollte uns in Anbetracht der jüngsten Ereignisse zu denken geben.