Samichlous, du guete Maa…

Dieser Text erschien als „Wort zum Sonntag“ im Thuner Tagblatt am 3.12.22.

„Ich habe gehört, du passt im Ballett nicht auf!“, sagte der Samichlous* zu mir mit drohender Stimme – und alle lachten.

Es war bei der Weihnachtsfeier des Auslandschweizervereins. Jedes Kind musste einzeln vor den Samichlous treten und wurde von diesem gelobt oder gerügt. Ich fühlte mich blossgestellt und fragte mich: Was ist denn daran so lustig, wenn man im Ballett nicht aufpassen kann? Mit meinen 5 Jahren fiel es mir schwer, den Ausführungen der Ballettmeisterin zu folgen.

Schon damals habe ich geahnt, dass meine Mutter mich beim Samichlous „verrätscht“ hatte. Und je länger ich heute darüber nachdenke, umso fragwürdiger scheint es mir, den Samichlous als Erziehungsmethode missbrauchen zu wollen.

Die Figur des Samichlous geht auf den Bischof Nikolaus von Myra zurück. Dieser wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts in der kleinasiatischen Region Lykien, der heutigen Türkei. Über ihn als historische Person ist wenig bekannt. Dafür ranken sich zahlreiche Legenden um sein Leben.

Besonders beeindruckt mich diese Geschichte: Ein verarmter Mann beabsichtigte, seine drei Töchter zu Prostituierten zu machen, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus erfuhr von der Notlage und warf in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen.

Wir wissen nicht, was an dieser Geschichte wahr ist. Erwiesen ist, dass Nikolaus wohlhabend war und sein ererbtes Vermögen unter den Notleidenden verteilte. Aus dem Ruf des Nikolaus, ein Wohltäter für die Armen zu sein, entwickelte sich der Brauch, an seinem Namenstag Kindern Geschenke in die Schuhe zu stecken. Früher waren es wohl Nahrungsmittel, später Süssigkeiten.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Figur des St. Nikolaus verselbständigt. Heute ist daraus der (konfessionell neutrale) Weihnachtsmann geworden. Er wohnt am Nordpol, betreibt dort eine Spielzeugfabrik und fliegt mit einem von Rentieren gezogenen Schlitten durch die Gegend, um seine Geschenke zu verteilen. Die rot-weisse Kleidung des Weihnachtsmannes stammt ursprünglich aus einer Werbung für ein weltweit bekanntes Süssgetränk. Aus dem wohltätigen Bischof wurde eine amerikanisierte und kommerzialisierte Kunstfigur.

Auch in diesen Tagen sind wieder überall die rot-weiss gekleideten Männer mit Rauschebart zu sehen. Besonders in den Fussgängerzonen sollen sie Kundschaft für die Warenhäuser anlocken. Kinder werden ungefragt mit Säcklein beschenkt.

Die Rute, mit der der Samichlous unartige Kinder schlägt, gehört zum Glück der Vergangenheit an. Der Samichlous wird heutzutage kaum noch als Druckmittel für die Erziehung missbraucht. Doch als Geschenkebringer für Kinder, die eigentlich schon alles haben, erscheint mir diese Figur ebenfalls fragwürdig.

Auch wenn ich den Kindern ihre Freude am Samichlous gönne, fände ich es schön, wenn sich zumindest die Erwachsenen auf den Ursprung dieses Brauches besinnen würden: Wohltätigkeit für diejenigen, die es wirklich nötig haben. Notleidende Kinder gibt es ja mehr als genug auf der Welt…

*Samichlous ist die schweizerdeutsche Bezeichung für den Nikolaus

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